Verlorene Gegenstände: "Es muss ja irgendwo sein"

© Aline Zalko
Dauernd verliert die Tochter etwas: Ihr Portemonnaie, den Schülerausweis, das Handy. Ist der Vater zu sehr auf Gegenstände fixiert? Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 40/2019

Ich teile sehr gerne. Aber ich verliere nicht gerne Dinge. Es gibt da zum Beispiel diesen Kugelschreiber von dieser Schweizer Marke, die mir gerade nicht einfällt. Das ist ein echter Qualitätskugelschreiber. Wenn ich mir etwa beim Telefonieren etwas notieren muss, dann möchte ich gerne einen Kugelschreiber zur Hand haben, der zuverlässig schreibt, gut in der Hand liegt und überhaupt einfach meiner ist. Leider finde ich ihn im entscheidenden Augenblick nie. Denn Lotta hat ihn sich ausgeliehen. Um irgendetwas aufzuschreiben. Und wenn Lotta meinen Kuli leiht, dann ist er weg. Lotta weiß dann sehr bald nicht mehr, wo er sein könnte. "Aber er muss ja irgendwo sein", sagt Lotta dann. Er könne ja schließlich nicht weg sein. Weil kein Körper einfach so verschwinden könne, sagte Lotta, das habe sie mal in Physik gelernt. Weiter belastet das Lotta überhaupt nicht.

Gerade sucht sie ihr Portemonnaie. Das werde schon wieder auftauchen, meint sie. Irgendwie, irgendwo, irgendwann. "Du musst auf die Dinge besser achten", mahne ich. Denn Lotta verliert ständig Dinge. Nicht nur unwichtigen Kram. Auch ihren Schülerausweis oder ihr Handy. Ich würde nie mein Handy verlieren, ich weiß immer, wo es ist. Und meine Karten, Fahrkarten, Kreditkarten, Geld – darauf passe ich auch immer auf. Wenn man die Dinge in Ordnung halte, habe man mehr vom Leben, sage ich zu Lotta. Lotta sagt, die Dinge würden sich ja immer wiederfinden. So wie der Schülerausweis: Den hatte wer von der Straße aufgehoben und in einen Briefkasten geworfen, die Post schickte ihn zu. Oder das Handy. Das konnte sie am nächsten Tag im Sekretariat der Schule wieder abholen. "Ich habe einfach immer, immer Glück!"

Mich belastet Lottas Sorglosigkeit umso mehr. Für mich ist Lottas Zimmer schlimmer als das Bermudadreieck, so viele Vermisstenfälle gibt es darin. Es ist ein Strudel, ein Mahlstrom, der die Dinge auf Nimmerwiedersehen von mir wegreißt, wenn ich sie nicht ganz, ganz fest halte. Ständig streife ich durch die Wohnung auf der Suche nach irgendetwas. Ständig frage ich: "Wer hat (beliebigen Gegenstand eintragen) vom Schreibtisch genommen?! Das darf doch wohl nicht wahr sein! Hat denn niemand mehr Respekt vor dem Eigentum anderer Menschen?" Dauernd suche ich nach meinem Kleinkram und verdächtige jeden. Sobald jemand etwas ausleiht, stiefele ich hinterher und poltere: "Das kommt aber gleich wieder zurück! WIEDERSEHEN MACHT FREUDE!" Alle in der Familie verdrehen die Augen über diesen missmutigen Mann. Manchmal höre ich sogar, ich sei offenbar auf Gegenstände "fixiert", ich höre, man habe gar nicht geahnt, was für eine "Krämerseele" ich sei. Auch "Spießer" wurde ich schon genannt. Das finde ich so ungerecht. Ich fühle mich allerdings selbst wie einer der griesgrämigen Zwerge aus dem Märchen, die widerborstig über ihren Goldschatz wachen. Ich hasse es, meinem Kugelschreiber hinterherzurennen. Ich hasse mich, wie ich diesem Kugelschreiber hinterherrenne. Ich hasse ... ach, ich hatte mir das alles anders vorgestellt.

Gerade hat Lotta einen Behördenbrief aus dem Briefkasten gefischt. Er ist vom Fundbüro. "Papa, guck mal: Mein Portemonnaie ist gefunden worden. Und ich hatte gedacht, es wäre in meinem Zimmer! Yay! Das Leben ist so gut zu mir! Ich liebe die ganze Menschheit!" Ich weiß, dass Lotta es im Grunde falsch macht und ich richtig. Aber es fühlt sich halt gar nicht so an.

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