© Viktoria Grunjajew

Badewanne: Zurück in die Wanne

Über das Duschen wird die meiste Zeit gelogen, findet unsere Autorin – und schwört auf die Kraft des Badens. Von
ZEITmagazin Nr. 41/2019

Die Luft ist zu kalt, das Licht zu grell, das Leben zu anstrengend – so ist die Welt, so wird sie immer sein. Und dann auch noch: duschen gehen müssen. Jeden Morgen. In einem gefliesten Raum stehen, nackt und verletzlich, an einem Regler drehen. Die kleinen Spritzer des kalten Wassers spüren, die wie Nadelstiche auf die Haut treffen. Warten, bis das Wasser warm wird. Das sind die unwürdigsten Minuten im Leben jedes erwachsenen Menschen: in den Spiegel schauen, die Kissenabdrücke im Gesicht sehen, sich hässlich finden, dann einen Arm hinter den Duschvorhang schieben, wie ein tapferer Soldat, der seinem Regiment vorausläuft, um zu fühlen, ob die Wasserspritzer schon warm sind oder immer noch schmerzenskalt. Und alles nur, um Hygienestandards zu entsprechen, die einem sagen: Wer nicht täglich morgens duscht, der ist eklig.

Ich mache da nicht mehr mit. Ich hasse es, zu duschen. Über das angeblich herrliche Duschen wird die meiste Zeit gelogen, in der Werbung, in der Popkultur, in der Familie. Wir müssen alle zurück in die Wanne!

Freie Menschen gehen baden. Badewannen sind warm und gemütlich, ich fühle mich darin immer wie auf einer flauschigen Couch.

Als ich etwa elf Jahre alt war, also in dem Alter, in dem man vom Baden aufs Duschen umzusteigen hat, lief im Fernsehen jeden Tag mehrmals ein Spot der Shampoo-Marke Herbal Essences. Darin steht eine Frau unter der Dusche und shampooniert sich. Sie stöhnt, sie ist befreit, sie riecht gut, das Wasser strömt herab, sie will es. Natürlich habe ich mir das bescheuerte Shampoo gekauft, eine orangefarbene Flasche, deren Öffnung beim Herauspressen des Shampoos verklebte, sodass sich die Flasche mit glitschigen Seifenhänden nach der dritten Benutzung kaum noch öffnen ließ. Außer Frustration ließ mich dieses Shampoo unter der Dusche nichts fühlen. Es gab keinen Genuss, es gab keinen Wasserfall und keine Schmetterlinge, die mich plötzlich umschwärmt hätten. Ich erlitt die erste bewusste Produktenttäuschung meines Lebens: Duschen, verstand ich damals, lässt sich nicht schönreden.

Duschen ist erst zu kalt, dann zu heiß, dann zu ungemütlich. Der Wasserdruck ist entweder so hoch, dass er auf der Haut wehtut, oder so niedrig, dass er das Shampoo nicht aus den Haaren spült. Der Duschkopf ist entweder so angewinkelt, dass man sich halbschräg hinstellen muss, um sich im Halbtrockenen einzuseifen, oder so angewinkelt, dass man sich wie beim Tanzen winden und drehen muss, um an jede Körperstelle Wasser zu bekommen. Duschvorhänge sind eklig, weil man sie nicht richtig putzen kann, Duschkabinenwände aus Glas sind nervig, weil sie schon nach ein paar Tagen aussehen, als hätte man ewig nicht geputzt.

Es sollte niemanden wundern, dass das Prinzip Dusche von einem französischen Gefängnisarzt erfunden wurde, in den 1870er-Jahren. Ihm ging es um möglichst effiziente Hygiene, weil sich in den Gefängnissen Krankheiten ausgebreitet hatten. Wenn Wasser von oben auf Menschen herabplätschert, befand er, bedeutet das geringeren Verbrauch in kurzer Zeit mit einem großen Sauberkeits-Effekt. Wenig später bekamen die Soldaten des preußischen Militärs ebenfalls Duschen. Und diese Ur-Zielgruppe beschreibt ziemlich genau, wie ich mich fühle, wenn ich morgens unter der Dusche stehe: wie eine Gefangene der Marktwirtschaft, eine Soldatin der Effizienz. Duschen ist der Sieg des Kosten-Nutzen-Denkens über den Genuss.

Freie Menschen gehen baden. Badewannen sind warm und gemütlich, ich fühle mich darin immer wie auf einer flauschigen Couch in einem Wohnzimmer am zweiten Weihnachtsfeiertag. In Badewannen gibt es nichts zu tun außer Daliegen und Abwarten. Wer badet, entzieht sich jeglicher Zwänge des Draußens. Es fiele mir nicht ein, mich nach dem Baden anzuziehen und arbeiten zu gehen. Baden ist nichts für morgens, wenn man sich bereit machen und abhärten muss für die Qualen des Tages, Baden ist eine Abendaktivität, bei der man die Qualen vergisst. Nach dem Baden bleibt nichts zu tun, außer sich unter einer Bettdecke einzurollen wie ein warmes Zimtbrötchen und die schrumpelige Haut langsam entschrumpeln zu lassen. Baden ist ineffizient, Baden ist verschwenderisch. Baden bringt das Menschliche im Menschen zum Vorschein. Der Dreck und die Traurigkeit des Alltags diffundieren aus den Poren ins Wasser, wozu sie unter der Dusche überhaupt keine Zeit hätten.

Aber je älter man wird, desto besonderer wird das Baden. Mit Sauberwerden, so denken viele Leute, hat es gar nichts mehr zu tun. Eine Freundin erzählte mir, sie würde sich nach dem Baden "abduschen", um wirklich sauber zu werden. Sie legt sich also in heißes, wohltuendes Wasser, um sich danach unter eine feindliche, kalte Dusche zu stellen. "Abduschen" ist eine Praktik, die von Menschen erfunden wurde, die denken, dass Baden unhygienisch sei. "Man sitzt dann ja in seinem eigenen Dreck", sagen diese Menschen schaudernd und vergessen dabei, dass eine durchschnittliche Person in einer durchschnittlichen mitteleuropäischen Lebenslage selten so viel Dreck am Körper hat, dass dieser nicht im Gegensatz zu 180 Litern Badewasser komplett zu vernachlässigen wäre.

"Abduschen" ist, als würde man nach einem Abend in einem teuren Restaurant, leicht angeduselt vom Rotwein, noch schnell bei McDonald’s vorbeigehen und sich dort zwei Cheeseburger bestellen, um "richtig satt zu werden". Menschen, die sich nach dem Baden abduschen, haben zu viele Herbal-Essences-Spots geguckt, und wahrscheinlich sind sie es auch, die im Sommer nur unter der Dusche Sex haben wollen, weil sie es nicht mögen, "dass man da so schwitzt". Sex unter der Dusche gäbe es sowieso nicht, wenn es keine mittelmäßigen Filme gäbe, in denen gut aussehende Schauspieler Sex unter der Dusche haben. Er mag unheimlich gut aussehen, wenn man filmt: Wasserdampf, Hände an Glasscheiben, nasse Gesichter. Das heißt aber noch nicht, dass Sex unter der Dusche in der Realität etwas Schönes hätte. In Filmen lassen Frauen auch beim Sex ihren BH an, damit die Kamera sie danach von oben filmen kann: daliegend, frisiert, geschminkt, unverschwitzt. Sollte jemand im echten Leben so Sex haben wie im Film, tut es mir leid.

Ich habe lange geglaubt, dass jeder normale Mensch täglich morgens duschen sollte und dass alle das so machen. Bei einer kleinen Umfrage in meinem Freundeskreis konnte ich allerdings herausfinden, dass sie sich gegenseitig belügen. Vor allem die Frauen, die ich kenne, duschen nicht täglich – weil sie es gar nicht müssen. Aber sie verschweigen das, weil sie denken, sie wären die Einzigen.

Das liegt daran, dass unsere Welt von alten, dicken Männern regiert wird – und von deren Hygienestandards. Mag sein, dass der durchschnittliche Patriarchenkörper einmal täglich morgens abgespült werden muss, um erträglich zu riechen. Manchen Frauen reicht es aber vollkommen, nur alle zwei Tage zu duschen – oder eben zu baden, weil das nämlich schöner ist. Dermatologen sitzen seit Jahren in Frühstücksfernsehsendungen und erzählen, dass es sogar schädlich ist, sich jeden Tag komplett mit Seife zu waschen: Es macht die Haut trocken und die Haare spröde.

Baden bringt das Menschliche im Menschen zum Vorschein. Der Dreck und die Traurigkeit diffundieren aus den Poren ins Wasser.

Aber wenn wir weniger duschen würden, dann könnten wir weniger Produkte kaufen: Coco-Body-Scrub, Caramel-Foaming-Silk-Mousse-Body-Wash, Papaya-Wildflower-Spongelle, diese Namen habe ich mir nicht ausgedacht, es gibt sie wirklich. Es gibt sie, weil wir darauf trainiert sind, uns permanent mit unserem Körper und seiner Reinlichkeit zu beschäftigen: fettige Haut hier, trockene Haut da, Falten hier, Dehnungsstreifen da, dort ein Peeling, hier eine Creme. Wir sind süchtig danach, uns selbst "etwas Gutes zu tun", und der Ort, an dem wir das möglichst effizient tun, ist eben die Dusche. Zu der Ungemütlichkeit und der Kälte einer Duschkabine kommen also auch noch Aufgaben hinzu, die erledigt werden wollen. Wasch-Arbeit, quasi. Und das ist nicht einmal so umweltfreundlich, wie man immer sagt: Wer zehn Minuten duscht, verbraucht dabei fast so viele Liter Wasser wie bei einem Vollbad.

Vielleicht ist Duschen daran schuld, dass uns die Welt so kompliziert vorkommt. Die alten Römer trafen sich in den Thermen, um zu baden, zu tratschen und zu debattieren. Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn wichtige politische Entscheidungen in der Badewanne gefällt würden. Es wären freundlichere Entscheidungen, wohlüberlegtere, da bin ich sicher. Duschen hat die Hektik in die Welt gebracht, das Schulterzucken und die Wut. Baden könnte das Gute zurückbringen: das Warme im Menschen.

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