Maria Dragus: "In schwierigen Situationen stelle ich mir vor, Flügel zu haben"

© Paula Winkler
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 41/2019

Ich bin eine begeisterte Tagträumerin. In schwierigen Situationen stelle ich mir oft vor, Flügel zu haben und von oben auf die Welt zu sehen. Dank dieser Perspektive kann ich entscheiden, was ich sehen oder fühlen möchte, und kann so zu einem Entschluss gelangen. Ich mag es aber auch, mich forttragen zu lassen in eine innere Welt, die dann Teil meiner äußeren Welt werden kann.

Sowohl dieser innere Reichtum als auch die Überzeugung, dass Träume in die Realität überführt werden können, wurden in meiner Kindheit sehr gefördert. Ich bin ein Theaterkind, mein Vater war Cellist im Orchester, meine Mutter Tänzerin. Es war wunderschön, bei ihren Auftritten hinter der Bühne zu stehen und das Spiel mit seinen Rollenwechseln und Verwandlungen mitzuerleben.

Die Ferien verbrachten wir oft in Rumänien bei meiner Oma auf dem Land. Auf der Fahrt dorthin las meine Mutter uns Kindern aus Büchern vor. Ich liebte es, in fremde Welten abzutauchen. Bei meiner Oma gab es keine Computer und keine Handys, wir haben Stunden damit zugebracht, zu malen. Und wenn mir die Begrenzung des Papiers zu eng wurde, habe ich mir meinen Verkleidungskoffer geholt und eigene Stücke vorgeführt.

Seit meiner Kindheit lebe ich in zwei Welten, Rumänien und Deutschland, ich bin Teil dieser beiden sehr unterschiedlichen Gesellschaften. Da ich vier Sprachen akzentfrei spreche, kann ich meistens recht schnell in andere Kulturen eintauchen. Mir gelingt es daher auch ganz gut, Angst vor Veränderungen in Neugier zu verwandeln. In den letzten Jahren war ich nie länger als ein paar Wochen an einem Ort. Die Freiheit, mich in ganz Europa bewegen zu können, ist sehr wichtig für mich. Nur so kann ich wachsen.

In diesem Jahr habe ich mir die Zeit genommen, innezuhalten und nachzudenken, was ich mir für die Zukunft wünsche. Ich habe schon so viele Träume realisieren können. Seit ich als Zehnjährige eine Tanzvorführung an der Palucca-Schule in Dresden sah, hat mich die Möglichkeit fasziniert, Geschichten ohne Worte zu erzählen. Es war für mich ein Traum, dann selbst an dieser Schule zu studieren. Nachdem ich mit 14 Jahren die Dreharbeiten zu dem Film Das weiße Banderlebt hatte, wollte ich nie mehr etwas anderes tun. Und auch dieser Traum ist wahr geworden: Ich kann als Erwachsene die Verkleidungsspiele meiner Kindheit weiterspielen.

Jetzt ist es für mich an der Zeit, in einem größeren Kontext Verantwortung zu übernehmen. Ich möchte mich für politische und soziale Verbesserungen einsetzen. Gleichberechtigung ist mir wichtig. Und als große Schwester weiß ich, wie wichtig es ist, junge Menschen darin zu bestärken, sie selbst zu sein.

Maria Dragus, 25, ist in Dresden geboren. Seit 2007 spielt sie in TV-Serien und Kinofilmen. Für ihre Rolle in Michael Hanekes Film Das weiße Band wurde sie mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Dieses Jahr kürte das Fachblatt Variety sie zu einem der zehn herausragenden europäischen Talente. Ab dem 3. Oktober ist sie in der Literaturverfilmung Deutschstunde im Kino zu sehen

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