© Juergen Teller

Marie-Louise Sciò: "All diese Schönheit, diese Lebensfreude"

Die Hotelerbin Marie-Louise Sciò über ihr legendäres Hotel Pellicano in der Toskana, das sie heute selbst führt, und die Kunst, den Geist magischer Orte zu erhalten Interview:
ZEITmagazin Nr. 41/2019

Das Büro von Marie-Louise Sciò in Rom liegt nur einen Steinwurf von der antiken Engelsburg entfernt. In den großen Räumen hängen Stoffmuster, Zeichnungen, Moodboards an den Wänden: Das hier wirkt eher wie ein Designer-Office denn wie die Zentrale einer ebenso kleinen wie feinen Hotelkette. Die Pellicano-Group betreibt drei Häuser: das namensgebende Il Pellicano an der toskanischen Küste, in dem sich seit Jahrzehnten die Reichen und Schönen treffen. Das Posta Vecchia an der Küste in der Nähe von Rom und, seit Neuestem, das Mezzatorre auf Ischia. Außerdem arbeitet Marie-Louise Sciò auch als Beraterin für ausgewählte Hotels auf der ganzen Welt: Sie bietet an, einen eigenen Stil hervorzuheben.

Wir setzen uns mit Marie-Louise Sciò zum Interview in den Konferenzraum. Die Chefin – petrolblauer Seidenkimono, Apple Watch, viele Goldringe – antwortet auf jede Frage schnell, präzise und in perfektem Englisch.

ZEITmagazin: Frau Sciò, Sie haben die Sommer Ihrer Kindheit im Hotel Pellicano verbracht. Es befindet sich in dem kleinen Ort Porto Ercole auf der Halbinsel Monte Argentario. Verstanden Sie damals schon, was für ein spezieller Ort das Hotel Ihres Vaters war?

Marie-Louise Sciò: Absolut. Mir wird immer klarer, wie bedeutungsvoll diese Sommer für meinen Werdegang gewesen sind. Mich umgab all diese Schönheit, all diese Lebensfreude. Das Pellicano war ein verzauberter Ort voller sehr schicker, sehr entspannter Menschen, noch dazu in einer wunderschönen Umgebung. Weil die Leute damals, Anfang der Achtzigerjahre, nicht mit ihrem Nachwuchs verreisten, war ich dort oft das einzige Kind, und ich streifte wie eine kleine Spionin durch diese geheimnisvolle Erwachsenenwelt. Meine Erinnerungen an das Pellicano setzen etwa zu der Zeit ein, in der sich meine Eltern scheiden ließen. Zu Hause war es daher also nicht gerade lustig, aber in Porto Ercole schon. Es war dort wie in einem Film, durch den ich mich bewegte.

ZEITmagazin: Selbst Jackie Onassis war früher mal da. Haben Sie besonders eindrucksvolle Gäste erlebt?

Sciò: Es gab immer viele interessante Menschen um uns herum. Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut an den Fotografen Slim Aarons, der bei mir ein anhaltendes Interesse an der Fotografie geweckt hat. Oder eine Lady, Georgiana Abreu, die auch von Slim Aarons fotografiert worden ist, die hat mich unheimlich beeindruckt. Die kam ins Hotel, bis sie 98 Jahre alt war, und sie war einfach immer unfassbar schick, wirklich fabelhaft, die hob sich selbst noch von den Pellicano-Gästen ab. Und wenn ich an die besonderen Menschen im Pellicano denke, muss ich auch meine Mutter erwähnen. Die hatte so einen unglaublichen Stil. Und Kreativität und Heiterkeit! Wissen Sie, wenn es zum Beispiel eine Sonnenfinsternis gab, die man nur in Mexiko sehen konnte, dann gab sie aus diesem Anlass eine Party im Pellicano. Und wenn die Leute sie fragten, was das soll, dann sagte sie: "Weil es in Mexiko eine Finsternis gibt, ist das nicht fantastisch?" Und die Leute feierten mit.

ZEITmagazin: Vermissen Sie diese Zeit?

Sciò: Sie ist ja nicht vorbei! Das Schöne am Leben in einem Ferienhotel wie dem Pellicano ist, dass man dauernd interessante Menschen trifft, denen man normalerweise nie begegnen würde. Da kommt die vielfältigste Gruppe von Menschen sozusagen in dein Wohnzimmer. Die Welt verdichtet sich. Das ist für mich bis heute ein absoluter Genuss, ein Geschenk. Da gibt es dann einen 98-jährigen ehemaligen Zeitungsredakteur, mit dem nehme ich abends einen Drink und höre ihm einfach nur zu, und der erzählt dann zum Beispiel von seinen Begegnungen mit dem Schriftsteller Italo Calvino. Und als Nächstes kommt so ein Typ, dem alle Malls Gott weiß wo in Amerika gehören. Und dann kommt ein Maler, dem sein Galerist eine Pause befohlen hat, aber dann trifft der Maler im Hotel leider mich, und dann gibt es doch wieder Drinks und lange Mittagessen und späte Dinner ... Dieser Ort inspiriert mich immer wieder neu.

Das Büro von Marie-Louise Sciò in Rom: An den Wänden hängen Stoffmuster, Zeichnungen und Moodboards an den Wänden. © Laura Sciacovelli

ZEITmagazin: Ich hoffe, so ein Ort verdirbt einen nicht auch ein bisschen.

Sciò: Es gab ja nicht nur das Pellicano, wir besaßen auch dieses große Landhaus bei Rom, das heute das Hotel Posta Vecchia ist und ursprünglich ein Renaissance-Palazzo der Familie Orsini war. Und in Rom lebten wir in einem Gebäude des Barock-Architekten Bernini. Außerdem sind meine Eltern beide sehr ästhetisch gesinnte Menschen. Ich bin durch meine Kindheit und Jugend notgedrungen ein Augenmensch geworden, zumal es in Italien allgemein ja ein ungeheures Gespür für Proportionen, Farben und Maßstäbe gibt.

ZEITmagazin: Sie haben Architektur studiert, bevor Sie vor gut zehn Jahren die Leitung des Pellicano von Ihrem Vater übernommen haben, und für eine Weile wollten Sie Malerin oder Fotografin werden. Haben Sie den Eintritt ins Hotelbusiness auch mal bereut?

Sciò: Die Pellicano-Gruppe ist so eine Art Gefäß geworden für all die Dinge, die mir gefallen. Ich habe das ja alles von Anfang an nach Gefühl und nach meinen Neigungen gemacht. Es war für mich zum Beispiel selbstverständlich, ein Kochbuch mit dem Fotografen Juergen Teller herauszubringen, einfach weil ich fand, dass das ein schönes Projekt war – auch wenn das sicher nicht das Erste ist, was eine normale Hotelgruppe machen würde. All die Dinge, die ich mag und an denen ich interessiert bin, habe ich ins Hotel gebracht.

ZEITmagazin: Im Pellicano gibt es zum Beispiel eine bestechende Filmsammlung, in einer Vitrine gleich neben der Rezeption.

Sciò: Das sind alles Filme, die ich toll finde, oder es sind Filme, die von Gästen mitgebracht worden sind, denen ich vertraue. Der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci oder die spanische Regisseurin Isabel Coixet zum Beispiel haben da ein paar Filme hingestellt. Solche Details sind entscheidend, daran glaube ich fest. Angenommen, du bist im Urlaub und interessierst dich für Film, und du wolltest immer schon Once Upon a Time in America anschauen, und dann steht da der Film, jetzt kannst du den mal sehen. Vielleicht sind es fünf Menschen pro Jahr, die so einen Moment in dem Hotel erleben. Aber diese fünf genießen einen besonderen Moment, und das ist Luxus. Das wollen wir: Liebe und Aufmerksamkeit in jedem Detail. Von den Tellern über die Auswahl der Oliven im Restaurant bis hin zu den Filmen und den Sachen in der Boutique. Das alles zusammen macht einen immensen Unterschied. Die Gäste spüren, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigt.

ZEITmagazin: Es gibt auch Hotels, in denen stehen Bücher, die meterweise gekauft worden sind.

Sciò: Ja! Das ist oft deprimierend. Man geht in ein Hotel, alles ist perfekt, und dann gibt es diese Reihe von miesen Büchern, die niemanden interessieren, weil sie nicht aus einem lebendigen Interesse heraus da hingelangt sind. Es ist mit Hotels wie mit Menschen: Sie können supersexy aussehen, aber oft fehlt leider der Tiefgang. Der Geist eines Ortes ist entscheidend dafür, wie man sich dort fühlt.

ZEITmagazin: Abgesehen von den Gästen und Ihrer Liebe zum Detail: Was ist noch besonders am Pellicano?

Sciò: Ohne arrogant klingen zu wollen: Es ist einfach wie ein gutes Rezept. Es geht um die Qualität der Zutaten, die wundervolle Landschaft, die Architektur. Zu unserer DNA gehört immer auch die Liebe zu dem Projekt, es steht nicht der reine Geschäftssinn im Zentrum. Was wirklich entscheidend ist, sind die Mitarbeiter. Wenn die keine Liebe spüren zu dem Projekt, zu dem Ort, zu der Idee, dann wird es nichts.

Die unberührte Landschaft um das Hotel Pellicano an der toskanischen Küste, wie sie der Fotograf John Swope in den Sechzigerjahren festgehalten hat. © John Swope

ZEITmagazin: Wie schwer ist es, das umzusetzen?

Sciò: Oberflächlich gesagt: Wir investieren viel in Ausbildung. Wir bringen unseren Leuten nicht nur bei, wie man korrekt serviert, sondern wir versuchen, sie emotional einzubeziehen. Wir machen Schulungen über emotionale Intelligenz, Empathie, Meditation ... Aber im Kern geht es um Respekt. Unsere Leute sollen ihre Persönlichkeit einbringen und ausdrücken dürfen. Wenn man den Angestellten diesen Raum lässt, sodass sie nicht als Dienstroboter, sondern als Menschen in Erscheinung treten, wird alles interessanter, wärmer, freundlicher. Wir betrachten das Geschick des Hotels insgesamt als Teamleistung. Alle sind gemeinsam dabei. Bei uns gibt es in dem Sinne keinen padrone.

ZEITmagazin: Das Pellicano wird oft und gerne fotografiert, mehr als die meisten Designer-Hotels.

Sciò: Ich glaube an keine auferlegten Regeln, wenn es um Gestaltung geht. Ich glaube an Eklektizismus. Ich wähle aus, was mir gefällt. Das ist so ziemlich die einzige Richtlinie. Und es darf keine Pomphaftigkeit geben. Wir wollen schöne, einfache, ästhetisch ansprechende und zugängliche Orte schaffen. Es gibt bei uns also keine Überkonzeptionalisierung, und es gibt kein großes Ego im Ausdruck.

ZEITmagazin: Wie müssen wir uns das vorstellen?

Sciò: Der Pfirsichton der Sonnenschirme im Mezzatorre zum Beispiel, unserem Hotel auf Ischia, ist der Pfirsichton des Sonnenuntergangs. Wir dachten einfach, wäre das nicht cool, wenn die bei Sonnenuntergang sozusagen verschwinden würden vor dem Himmel? Daher die Farbe. Für die Gestaltung des Hotels, das ich im Januar 2019 erworben habe, hatten wir nur dreieinhalb Monate Zeit. Für die Auswahl der Grafiken, der Teller, der Tapeten, der Düfte, für das Branding ... Und das wurde alles sehr schnell aus dem Bauch heraus entschieden.

ZEITmagazin: Warum finden Sie selbst Nebensächlichkeiten wie den Geruch von Seife wichtig?

Sciò: Im Grunde erschafft man Hotels wie Filmwelten. Es gibt die Persönlichkeiten: den Barmann zum Beispiel. Es gibt das Bühnenbild, also die Anlage, dann die Gerüche – wir haben im Mezzatorre alle Düfte, also auch Bodylotions und Shampoos, die man auf den Zimmern findet, mit Kräutern produziert, die in der Umgebung wachsen. Es gibt die Kamera: die Sichtachsen. Das alles ist ein sinnliches Erlebnis. Es gibt in unserem Idealfall keinen Aspekt des Hotels, der nicht kuratiert ist. Nur die Geschichte, die dort dann erzählt wird: Die bestimmt der Gast. Der Gast ist der Erzähler, der Autor.

Eine Erinnerung an die Kindheit im Hotel Pellicano: Marie-Louise Sciòs Eltern Roberto Sciò und Marie-Louise Mills, 1980 fotografiert von Slim Aarons in dem üppigen Garten des Hotels. © Slim Aarons /​ Hulton Archive/​Getty Images

ZEITmagazin: Ist es schwer, so eine Welt aufrechtzuerhalten?

Sciò: Ja! Beim Pellicano oder im Posta Vecchia, bei den etablierten Hotels, muss man eine Balance finden. Was wir letztlich wollen, ist, den Gästen das Gefühl zu geben, dass die Gegenwart in dem Hotel eine Rolle spielt. Dass es nicht aus der Zeit gefallen ist.

ZEITmagazin: Das Erstaunliche am Pellicano ist: Es ist ein sehr teures Hotel, aber es wirkt nie angestrengt oder aufgeblasen.

Sciò: Es geht bei gutem Geschmack immer um persönliches Stilempfinden. Man muss versuchen, die eigene Art zum Ausdruck zu bringen – und darauf muss man sich dann auch beschränken können, statt zu versuchen, mehr darzustellen oder etwas anderes. Für ein Hotel oder eine Wohnung bedeutet das: Man muss die Geschichte eines Ortes respektieren. Wenn du heute versuchst, ein Haus zu bauen, das aussieht, als wäre es von dem Barock-Architekten Bernini, wird das im Zweifel missglücken. Wenn du Versailles-Möbel in einen Raum stellst, der keine Versailles-Dimensionen hat, funktioniert das nicht. Bleib bei deiner Wahrheit.

ZEITmagazin: Finden Sie denn, dass die Gäste in unserer rasenden Gegenwart den Ort noch voll genießen können?

Sciò: Ja. Wir haben zum Beispiel vor einer Weile ziemlich aufwendige Karten und Vorschläge für Touren in die Umgebung des Pellicano entwickelt, kleine Erkundungsfahrten, aber die meisten Gäste verlassen das Hotelgelände überhaupt nicht. Irgendwie gibt es etwas Verzaubertes, das die Leute bei uns hält. Man kann so schön gucken. Die anderen Gäste, das Meer, das Licht.

ZEITmagazin: Stören da nicht die Handys – all die Ablenkung, die es früher nicht gab?

Sciò: Klar, da gibt es sozusagen Störsignale. Wir haben am Pool so ein durchgestrichenes Handysymbol. Manchmal denke ich auch, wir sollten versuchen, die Leute vom Fotografieren abzuhalten, damit sie die Umgebung unmittelbarer wahrnehmen. Ich habe kürzlich für zehn Tage mein Smartphone ausgestellt, in Österreich, und mein Leben war gleich so viel besser. Es wäre schön, wenn man die Gäste davon überzeugen könnte, mal für eine Weile Funkstille zu halten. Aber als Luxushotel kannst du ja niemanden zu irgendwas zwingen. Wir könnten es aber vielleicht noch etwas ausdrücklicher vorschlagen.

ZEITmagazin: Das Pellicano liegt sehr idyllisch an einer sonst unbebauten Steinküste und ist umgeben von Nadelwäldern. Machen Sie sich Sorgen, dass der Klimawandel die Natur dort verändern könnte?

Sciò: Wir denken im Hotel viel über den Klimawandel nach, weil wir ihn sehen. Seit drei Jahren regnet es bei uns im August – früher wäre das sozusagen unerhört gewesen. Und natürlich hat die Hotellerie, hat der Tourismus eine besondere Verantwortung, wenn es um diese Fragen geht. Wir versuchen, im Bereich Kunststoff, Abfall und Recycling alles in unserer Macht Stehende zu tun, wir versuchen unser Bestes. Aber Verzicht und Luxus stehen in einem komplizierten Verhältnis. Man kann Leute, die ins Pellicano kommen wollen, nicht dazu zwingen, auf ein Shuttle zu warten, damit sie nicht in ihren eigenen Autos zu uns fahren.

Auf der Insel Ischia hat Marie-Louise Sciò das Hotel Mezzatorre übernommen, umgestaltet und im Frühjahr eröffnet. Zum Hotel gehört eine Bucht, in der die Gäste ins Meer steigen können. © Lucy Laucht

ZEITmagazin: Aber wäre das nicht auch ein schöner Luxus: irgendwo reinen Gewissens sein zu dürfen? Zu wissen, dass es ökologisch tragbar ist, was man gerade macht?

Sciò: Auf jeden Fall. Die Ethik eines Betriebs ist jedenfalls für die Gäste absolut spürbar.

ZEITmagazin: Wo machen Sie selbst gern Urlaub?

Sciò: Ich muss ständig reisen, aber wenn ich es mir aussuchen darf, dann bin ich am liebsten in der Natur. Ich träume von einer Kunstreise durch die USA, und ich würde wahnsinnig gerne eine Pinguinwanderung am Südpol erleben oder in der Mongolei reiten gehen.

ZEITmagazin: Können Sie es denn selbst noch genießen, in einem Hotel zu übernachten, ohne ständig die Einrichtung zu bewerten?

Sciò: Egal, ob ich in einem Fünf-Sterne- oder einem Ein-Stern-Hotel bin, meistens denke ich: Oh, ist das toll hier! Zugleich wünsche ich, ich dürfte ein paar Sachen ein bisschen verändern.

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