Pflanzen: "Sie treiben wieder aus!"

© Aline Zalko
Die Tochter liebt ihre Zimmerpflanzen. Der Vater fand seinen Ficus früher so spießig, dass er ihn lieber lässig sterben ließ. Es geht doch hier nur um Pflanzen. Oder? Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 41/2019

Luna mag Pflanzen. Ich selbst finde Pflanzen okay, aber ich stehe ihnen eher indifferent gegenüber. Besonders indifferent stand ich Pflanzen gegenüber, als ich in Lunas Alter war. Es gibt genau eine Pflanze, die in meiner Obhut überlebt hat: der Kaktus meines Großvaters. Ein Ohrenkaktus, der einem kleine Nadeln ins Fleisch setzt, sobald man ihm zu nahe kommt. Solch ein Kaktus braucht nur ein Minimum an Pflege, eigentlich ein Nullum.

Luna hat Pflanzen in ihrem Zimmer, die ich selbst noch nie zuvor gesehen habe. Eine Kaffeepflanze etwa. Luna trinkt keinen Kaffee, sie gießt ihn. Luna sammelt auch Pflanzen auf der Straße auf. Sie hat eine Monstera bei sich aufgenommen, die irgendein herzloser Bürger auf dem Bordstein hat stehen lassen. Gewissermaßen ausgesetzt. Luna hat dieses Gewächs mit den großen, dunkelgrünen, geschlitzten Blättern nach Hause getragen. Sie hat einen neuen Topf dafür gekauft und neue Erde. Hätte sie eine entsprechende Pflanze im Gartencenter des örtlichen Baumarktes gekauft, wäre sie wohl viel günstiger weggekommen. Aber das ist für sie etwas völlig anderes. Nun gedeiht die Monstera bei ihr, und immer wenn wir telefonieren, ist das Erste, was sie mir erzählt, wie es ihren Pflanzen geht. "Sie treiben wieder aus!", berichtet sie dann stolz. Im Internet gibt es manchmal Videos von verwahrlosten Hunden, die von Hundeliebhabern in Pflege genommen werden. Man sieht dann, wie sie gewaschen, gebürstet, entlaust und entwurmt werden. Am Schluss sieht man einen glücklichen Hund. Luna könnte ohne Probleme ein solches Video von ihrer geretteten Pflanze drehen, vielleicht im Zeitraffer.

Ich finde das manchmal etwas drollig, denn – bitte schön – es geht ja wohl nur um Pflanzen, oder? In meiner Generation galt es lange als außerordentlich spießig, Pflanzen in der Wohnung zu haben. Es hatte etwas von einem kleinbürgerlichen Idyll in der Etagenwohnung. Manchmal bekam man einen Ficus benjamini geschenkt, von den Eltern etwa. Das war ein bisschen uncool, aber es gab immerhin eine Möglichkeit, das Gewächs lässig zu vernachlässigen: Man wartete, bis das Ding alle Blätter abgeworfen hatte und man es im Müllcontainer im Hinterhof entsorgen konnte. Heute leben wir in anderen Zeiten, das ist mir schon bewusst. Heute werden Pflanzen allgemein mehr geschätzt. Heute hat man eine Designersukkulente auf dem Fensterbrett stehen, und die Leute sind stolz darauf, wenn sie mit Petersilie auf dem Balkon ein bisschen Home-Gardening betreiben können. Und wenn sie sogar Zucchinis im Hochbeet gezüchtet haben, dann posten sie davon Bilder auf Instagram.

Aber für Luna sind Pflanzen mehr als ein Mittel zur Selbstdarstellung. Neulich erzählte sie mir, dass ihr Bonsai gestorben sei. Sie sagte nicht "eingegangen". Auf einmal habe er alle Blätter verloren, obwohl sie sich sklavisch an die Pflegeanleitung gehalten habe. Ich tröstete: "Es ist doch nur ein kleiner Baum."

Dann sah ich die Bilder vom brennenden Amazonaswald. Da fragte ich mich, ob ich diese Bilder anders wahrnehmen würde, erschrockener wäre, würde ich die Welt mit den Augen meiner Tochter sehen. Und ob Leute wie ich vielleicht ein Teil des Problems sind. Die eine sterbende Pflanze sehen und sagen: Es ist doch nur ein Baum. Der Kaktus meines Großvaters steht immer noch auf meinem Balkon. Er wird mich wohl überleben.

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