Strümpfe: Mehr Bein wagen!

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 41/2019

In diesem Herbst sind in den Kollektionen überall bunte Beine zu sehen. Denn die Designer haben farbige Damenstrümpfe und -strumpfhosen für sich entdeckt: ockerorange bei Gucci, moosgrün bei Versace, zartrosa bei Marine Serre, geblümt bei Vivienne Westwood und Dolce & Gabbana. Man fragt sich, warum das erst jetzt so gehäuft der Fall ist, warum das also nicht immer schon so war. Schließlich dient in der Mode fast der gesamte Körper als eine Art Plakatfläche, warum also nicht längst auch das Bein?

Vielleicht traut man sich an diesen Körperteil nur zaghaft heran, weil in der Mode nur eine Form von Bein anerkannt ist – das schlanke und lange Bein. Die willkürliche Idealisierung des Beines also. Leider haben die allermeisten Menschen keine solchen Idealbeine. Daher wurden in der Vergangenheit oft dunkle Strumpfhosen verwendet, um Beine zu verbergen und zu kaschieren und sie schlanker erscheinen zu lassen. Nun gibt es also erste Anzeichen, dass die Damenmode sich mehr traut. Das ist überfällig, denn was bunte Beine angeht, sind die Männer schon weiter. Man denke nur an all die knallbunten Socken, die heute aus Anzugbeinen ragen. In der Herrenmode hat dies Tradition. Männer haben sich auch früher für bunte Beine nicht geschämt: So trug bereits die männliche Oberschicht im Byzantinischen Reich gern farbige oder gemusterte Wadenstrümpfe aus Brokat oder Seide.

Frauen dagegen verbargen ihre Strümpfe unter Röcken. Lange Zeit war es ihnen untersagt, Bein zu zeigen, da dies als unsittlich galt. Schon die Fessel des Fußes zu entblößen galt als unerhört erotische Geste. Das Männerbein hingegen hatte schon früh Konjunktur: Mitte des 14. Jahrhunderts verkürzte man den Männerrock und verlängerte die Strümpfe – die Strumpfhose entstand. Oft wurde sie aus Scharlach, einem dehnbaren Wollstoff, hergestellt. Bis ins 18. Jahrhundert hinein setzte man im Adel auf männliche Beine in aufreizenden Strümpfen. Zuletzt in den Culottes, engen Kniebundhosen, denen sich zarte, mit Strumpfbändern gehaltene weiße Strümpfe anschlossen. Erst die Französische Revolution machte mit dem bestrumpften Herrenbein Schluss, von da an trug man lange Hosen, um nicht für einen Adeligen gehalten zu werden.

Heute ist es das unbedingte Privileg (oder auch die schwere Bürde) der Frau, Bein zu zeigen. Hoffentlich tut sie es bald mit dem gleichen bunten Selbstverständnis, das die Männer einst an den Tag legten. Diese möchten wir übrigens gern auch mal wieder in Strumpfhosen sehen.

Foto: Peter Langer / Auf die Spitze getrieben: Strumpfhose von Versace

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