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Thaddaeus Ropac: "Ich habe mich dabei zu 200 Prozent verschuldet"

Thaddaeus Ropac half spontan beim Ausstellungsaufbau von Joseph Beuys. Der stellte ihm Andy Warhol vor. Heute gehört er zu den bedeutendsten Galeristen weltweit. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 41/2019

ZEITmagazin: Herr Ropac, woher stammt Ihre Liebe zur Kunst?

Thaddaeus Ropac: Ich bin in Kärnten aufgewachsen und stamme aus einer slowenischen Minderheit, die nicht gerade von allen umarmt wurde. Kunst war bei uns zu Hause gar kein Thema. Es gab aber diese Initialzündung, als ich 1979 nach der Mittelschule mit der Klasse nach Wien fuhr. Im Museum der Moderne im Palais Liechtenstein wurde die berühmte Nasse Wäsche Jungfrau von Joseph Beuys gezeigt, eine Installation aus Blech, Dachrinne, Glühbirne und Stuhl. Als ich das sah, war ich vollkommen sprachlos und verwirrt. Unser Kunstlehrer meinte nur, das sei einfach Schrott. Und ich dachte mir, wow, das ist schon unglaublich, dass der Staat für viel Geld etwas kauft und es in diesen Prunkräumen zur Schau stellt, das Schrott sein soll. Das hat mich nicht losgelassen, und ich wollte der Sache auf den Grund gehen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie das gemacht?

Ropac: Ich bin 1981 zu Beuys nach Düsseldorf gefahren. Ich hatte das Glück, dass genau an dem Tag Helfer für den Aufbau der Ausstellung Zeitgeist im Gropius-Bau gesucht wurden. Beuys verfrachtete sein gesamtes Atelier von Düsseldorf nach Berlin. Ich durfte wochenlang ein- und auspacken. Beuys war nicht immer da, und wenn, durfte man ihn nicht ansprechen. Aber irgendwann fragte er mich, ob er etwas für mich tun könne. Ich war ein bisserl unverschämt und meinte, ich würde gerne mit ihm eine Ausstellung machen und außerdem Andy Warhol kennenlernen. Ich erinnere mich noch an seinen Gesichtsausdruck. Doch er meinte: "Ja, mach mal", und schrieb auf eine Serviette: "Dear Andy, please meet this talented young man. Joseph". Das war meine Fahrkarte nach Amerika. In New York bin ich zu Warhol und habe tatsächlich später in meiner Salzburger Galerie eine Ausstellung seiner Serie Ten Portraits of Jews of the Twentieth Century gezeigt.

ZEITmagazin: Wie fassten Sie als Galerist Fuß?

Ropac: Ich wollte in Wien billige Räume für eine Galerie finden, aber die Stimmung dort hat mir nicht behagt. Also bin ich 1983 nach Salzburg, hier fand ich die Stimmung fantastisch – die Sommerakademie für bildende Künstler, die Festspiele, die vielen Musiker. Für 1000 Schilling im Monat mietete ich eine Galerie über einem Laden, der U.-S.-Army-Kleidung verkaufte, und habe sofort Beuys geschrieben. Ich kannte über ihn und Warhol schon ein paar Künstler, dadurch gab es ein Grundvertrauen, auch wenn ich ziemlich naiv war. Die Kunstszene war damals sehr elitär. Am Anfang habe ich nichts verkauft und gab daher in der Galerie Englisch-Nachhilfestunden. Eines Tages kaufte ein Journalist aus München eine Beuys-Zeichnung, und irgendwann hieß es dann, in Salzburg gibt es so einen, der zeigt die wirklich interessanten Künstler.

ZEITmagazin: Haben Sie jemals einen Rückschlag, eine Krise erlebt?

Ropac: Ich wollte mit Warhol in meiner Galerie eine Ausstellung machen. Wir saßen 1986 in New York zusammen, und ich hatte die Idee zu einer Serie mit den Musikgenies des 20. Jahrhunderts, Leonard Bernstein, Herbert von Karajan, Claudio Abbado. Warhol war begeistert. Ich konnte eine Bank überzeugen, mir Kredit zu geben, habe mir von Freunden Geld geborgt und auch ein paar Kunden gesagt, sie sollen vorweg zahlen. Ich habe mich dabei zu 200 Prozent verschuldet.

ZEITmagazin: Die Vision ging nicht auf?

Ropac: Im Februar 1987 hörte ich im Radio, Andy Warhol war überraschend verstorben. Ich war geschockt. Die Werke für Salzburg waren nicht fertig, die Ausstellung wäre Warhols nächstes Projekt gewesen. Ich musste das nicht nur der Bank erklären, sondern auch meinen Freunden und Sammlern, ich wäre fast in einen Konkurs geschlittert. Gerettet hat mich der Kunsthändler Leo Castelli. Er hatte Warhol vertreten und sah, wie das Atelier von Warhol mich behandelte und wie sehr ich kämpfte.

ZEITmagazin: Wie hat er Ihnen geholfen?

Ropac: Ich habe mit ihm eine Ausstellung gemacht. Er gab mir seine Warhol-Meisterwerke, da hingen Kunstwerke in meiner kleinen Galerie, das war unfassbar. Es hatte sicher auch damit zu tun, dass ich Österreicher war, er stammte selbst aus einer österreichisch-italienischen Familie. Ich konnte zwei Arbeiten verkaufen, das rettete mich. Als ich Castelli das erste Bild bezahlte, mit einem Scheck vom Creditanstalt-Bankverein aus Triest, war er zutiefst gerührt. Sein Vater war 1905 Direktor der Bank gewesen. Ich war mit Castelli später sehr eng befreundet, er kam jedes Jahr nach Salzburg.

ZEITmagazin: Was ist wichtig für den Erfolg?

Ropac: Er hat mit Ausstrahlung, mit Begeisterung zu tun. Es ging mir immer um die Künstler. Ich erinnere mich noch an die Begegnung mit Basquiat: Der wusste überhaupt nicht, wer ich war, woher ich komme, und gab mir am ersten Tag zwölf Zeichnungen mit. Später habe ich ihn gefragt, wie er mir das einfach so anvertrauen konnte, und da sagte er: "But Andy brought you" – er hat also nicht mir vertraut, sondern Warhol.

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5 Kommentare Kommentieren

[ CETERUM CENSEO. ODER: BTW

Wir wissen alle, dass die ZEIT mit einigem Einsatz diese Kommentar-Seiten kostenlos zur Verfügung stellt. Danke! Darf ich trotzdem ganz leise anmerken, dass die Kommentarseiten, seit sie bei Anklicken erst mal und immer zu der JA / NEIN-FRAGE in der Mitte springen, irgendwie nicht mehr so angenehm sind? Jaja, ich weiß schon, auch Zeitungen müssen Geld verdienen. Trotzdem. Ist ja gut gemeint. Feedback sozusagen. ]