Die Lochis: Über Spitznamen

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 42/2019

Spitznamen sind wie Joghurt: Sie altern nicht gut. Sie fangen sogar mit der Zeit an zu gammeln. Wenn man zwölf ist, dann ist es total niedlich, "Tini" oder "Jojo" oder "Matze" zu heißen. Wenn man aber 30 Jahre später beim Klassentreffen immer noch so genannt wird, dann ist es so, als tauchte man mit einem zu kurz geratenen Nickipulli von damals auf; Menschen verändern sich, doch Spitznamen wachsen nicht mit.

So geht es auch den Zwillingen Heiko und Roman L., die im Alter von zwölf Jahren mit quatschigen YouTube-Videos berühmt wurden. Sie nannten sich "Die Lochis", wegen ihres Nachnamens: Lochmann. Die Lochis machten so was wie Alltagssatire aus Teenieperspektive, ihre Videos hießen Wir kochen Döner oder Boy vs. Girl – auf Klassenfahrt oder Lochi vs. Lochi: Blind einen Brief einwerfen oder Schlittenfahren ohne Schnee, und Millionen von Kindern und Jugendlichen sahen ihnen zu. Jetzt sind Heiko und Roman zwanzig – also quasi erwachsen.

Erwachsen sein kann alles Mögliche bedeuten: Erwachsene gehen alleine zum Arzt, Erwachsene können Brot schneiden, Erwachsene essen Blauschimmelkäse und reden dabei über ihre Perspektiven in der Firma. Im Fall von Heiko und Roman bedeutet erwachsen werden, dass sie jetzt weniger Quatsch machen. Stattdessen wollen sie sich auf ihre Musik konzentrieren: Alben aufnehmen, Konzerte spielen, was ja im Gegensatz zu "YouTuber" ein langweiliger Durchschnitts-Erwachsenenjob ist. Damit jedermann kapiert, dass der Ernst ihres Lebens beginnt, haben sie ihren Namen geändert. Sie heißen nicht mehr "Die Lochis", sondern "Die Lochmanns". Das haben sie gerade verkündet, am Ende ihrer Abschiedstour.

Wie praktisch, dass ihr kompletter bürgerlicher Nachname so gut zu ihrem neuen Image passt. Wo Mann dranhängt, muss schließlich auch Mann drin sein. Den Lochmanns steht eine Erwachsenenkarriere bevor: Sie werden jazzig-nachdenkliche Alben aufnehmen. Sie werden bei Markus Lanz sitzen. Sie werden Bärte tragen. Und wir sehen im Lochmann-Prinzip großes Potenzial, die Karrieren der Stars unserer Kindheit und Jugend wiederzubeleben. Justin Biebermann würde nur noch Songs über Eheprobleme singen, Benjamin Blümchenmann zöge endlich aus dem Zoo in eine eigene Wohnung. Der Samsmann würde sich mit den blauen Punkten wünschen, dass die Kinder nur mal eine Nacht durchschlafen. Jim Knopfmann könnte CEO eines Logistikunternehmens werden. Nur für eine neue Karriere für Pippi Langmann haben wir noch keine Idee.

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