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Ismail Serageldin: "Ich danke Gott, dass ich solche Freunde habe"

Er wurde in Ägypten zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Freunde protestierten Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 42/2019

ZEITmagazin: Herr Serageldin, Sie waren der Gründungsdirektor der Bibliotheca Alexandrina, der Nachfolgerin der berühmten antiken Bibliothek.

Serageldin: Nach acht Jahren als Vizedirektor der Weltbank überredete mich Suzanne Mubarak, die damalige First Lady Ägyptens, Amerika zu verlassen, um das wunderschöne Gebäude mit Leben zu erfüllen. Die ursprüngliche Bibliothek von Alexandria war die erste, die sich des universellen Wissens aus allen Kulturen annahm. Diesen Geist wollten wir wiederbeleben. Es gelang mir, die erste und bisher einzige Kopie des Internet Archive, also des Gedächtnisses der Menschheit, außerhalb von San Francisco nach Alexandria zu bringen. 80 Prozent unserer Besucher sind junge Leute, die keine Berührungsängste mit den neuen Technologien haben. Dafür stellen wir über 3.000 Computer zur Verfügung. Außerdem zeigen wir Kunstausstellungen und organisieren pro Jahr circa 1300 Veranstaltungen, viele auch zum Thema Menschenrechte.

ZEITmagazin: Zur Zeit der ersten Bibliothek war die arabische Welt der westlichen weit voraus.

Serageldin: Das stimmt. Fast tausend Jahre lang trugen die Muslime, Araber und Perser, die Fackel der Vernunft und Wissenschaft. Omar Chayyam zum Beispiel war ein herausragender Mathematiker und Astronom. 1073 berechnete er einen Sonnenkalender, der viel exakter war als der Gregorianische Kalender, der erst 500 Jahre später entstand. Die Muslime übernahmen das indische Ziffernsystem, das sie später an den Westen weitergaben. Der entscheidende Punkt ist, dass eine enorme Toleranz und Offenheit in der muslimischen Welt gegenüber anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen herrschte.

ZEITmagazin: Es war eine tolerante Zeit?

Serageldin: Der Islam war in vielen Dingen sehr offen. Im Vertrag von Medina erhielten alle Stämme den gleichen Schutz, egal ob Christen, Juden oder Muslime. Und Omar al-Chattab, ein enger Begleiter Mohammeds, führte ein Rechtswesen ein, das unfassbar modern für das 7. Jahrhundert war. Es beinhaltete die Unschuldsvermutung und dass die Beweislast beim Kläger liegt – 1000 Jahre bevor Galileo Galilei vor der Inquisition stand!

ZEITmagazin: Heute fühlt sich die westliche Welt von islamischen Extremisten bedroht.

Serageldin: Diese Extremisten sind eine Plage für die Menschheit! Der eigentliche Kampf findet jedoch zwischen den Extremisten und den liberalen, rationalen Muslimen statt, die die überwiegende Mehrheit bilden. Tatsache ist, dass die mit Abstand größte Zahl der Opfer Muslime sind und dass vor allem Muslime diese Extremisten bekämpfen.

ZEITmagazin: 2011, während der ägyptischen Revolution, demonstrierten unzählige Menschen und zerstörten auch Regierungsgebäude. Befürchteten Sie für die Bibliothek dasselbe Schicksal?

Serageldin: Es war eine sehr riskante Situation. Die Demonstranten hatten sogar Parteigebäude gestürmt, die unter dem Schutz der Armee standen. Als ich diese riesige Demonstration auf uns zukommen sah, war ich unsicher, ob die Menschen auf mich hören oder mich einfach wie eine riesige Welle überrollen würden. Es waren Hunderttausende. Doch plötzlich lösten sich einige Menschen aus der Menge, bildeten vor der Bibliothek Ketten und riefen: "Das ist die Bibliothek, niemand fasst sie an!" Sie verteidigten die Bibliothek als eine Institution, die allen gehört – das war einer der erhabensten Momente meines Lebens.

ZEITmagazin: 2017 wurden Sie wegen fahrlässigen Managements zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Serageldin: Nach der Revolution und dem Rücktritt Mubaraks wurden 118 Anschuldigungen gegen mich erhoben. Keine einzige davon konnte bewiesen werden, sodass der Staatsanwalt am Ende noch drei Anschuldigungen wegen Missmanagements erhob, unter anderem hätte ich überhöhte Gehälter bezahlt. Normalerweise werden solche Vergehen mit einer Geldstrafe geahndet. Aber dreieinhalb Jahre Gefängnis! Das war ein absoluter Schock für mich. Doch dann regte sich der Unmut der ägyptischen Öffentlichkeit. Zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten protestierten. Und diese Kampagne breitete sich weltweit aus, sogar 20 Staatsoberhäupter und 90 Nobelpreisträger unterzeichneten den Protestbrief. Letztlich wurde ich vom Berufungsgericht freigesprochen. Es hieß, es gebe kein Verbrechen, die Anschuldigungen seien fingiert und der aufgeheizten Stimmung nach der Revolution geschuldet. Für mich war es unglaublich berührend, diese Solidarität zu erleben. Und ich danke Gott, dass ich solche Freunde habe, die so unerschütterlich an mich glauben.

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