Linda Hamilton: "Ich bin bipolar, mein Gehirn läuft ohne Pause auf Hochtouren"

© John Russo
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 42/2019

Ich bin im Haus meiner Eltern. Durch das Fenster sehe ich Arnold Schwarzenegger als Terminator auf das Haus zukommen, die Waffe im Anschlag. Schreiend vor Angst wache ich auf. Diesen Alptraum hatte ich nach den Dreharbeiten für den ersten Terminator-Film häufig. Ich war eine junge Schauspielerin und wusste nicht, wie ich die Gefühle meiner Figur wieder loswerden sollte.

Mein Traumleben war schon immer sehr intensiv. In meinen Träumen werde ich schikaniert, misshandelt oder bedroht, ich muss Tote essen oder habe Menschen ermordet. Und auch wenn die Träume nicht real sind – die Gefühle, die sie in mir auslösen, sind es sehr wohl.

Ich bin bipolar, mein Gehirn läuft ohne Pause auf Hochtouren. In meinem Kopf laufen dauernd Wortgefechte ab. Die überschüssige Energie in mir bricht sich auch in meinen Träumen Bahn. Ich glaube, sie haben mir geholfen, halbwegs gesund zu bleiben. Meine Träume sind eine Art nächtlicher Reinigung. Das Gift in mir, die Angst, die Wut, die Verletzlichkeit – all das fließt in meine Träume ein. Danach muss ich diese Gefühle nicht mehr im Alltag ausleben.

Die ersten Jahrzehnte meines Lebens als Erwachsene waren extrem schwierig für mich und für die Menschen um mich herum. Auf Außenstehende mag ich wie eine starke junge Frau gewirkt haben. Aber wer mich besser kannte, wusste: In mir tobte das Chaos. Ich war schon 40, als ich erstmals als bipolar diagnostiziert wurde. Danach begann ich endlich zu begreifen, was in mir vorging. Ich bekam Medikamente, die mir halfen, therapeutische Hilfe anzunehmen und umzusetzen. Heute weiß ich, was ich tun kann, wenn ich spüre, dass ich abdrifte.

Ich denke zurzeit häufig an meine beiden Ehen zurück, an all die tiefen Verletzungen; an meinen ersten Mann, der mich kurz nach der Geburt unseres Sohns verlassen hat; an die Ehe mit James Cameron, die von unerbittlichen Kämpfen geprägt war; daran, wie wichtig all das für mich war und wie sehr es mich vereinnahmt hat. Früher glaubte ich, für immer zusammenzubleiben wäre der einzige Weg zum Glück. Mit mir selbst glücklich zu sein, als starke, unabhängige Frau, ohne Partner – das war für mich unvorstellbar.

Heute möchte ich um nichts in der Welt zurück in diese Beziehungen. Ich führe ein wunderbares Leben, ohne Partner, aber reich an Beziehungen zu meiner Familie, zu Freunden und Nachbarn. Ich wünsche mir, meinem jüngeren Ich sagen zu können: Beziehungen scheitern, Herzen werden gebrochen, das ist der Lauf der Dinge; sein Glück von einer einzigen Person abhängig zu machen ist ungesund – es führt dazu, dass diese Person dich zerbrechen kann.

Dieses Wissen hätte mir viel Leid erspart. Auch künftiges Leid würde ich mir gern ersparen: Die Frauen in meiner Familie sind alle früh an Demenz erkrankt. Die Vorstellung, in einer körperlichen Hülle zu vegetieren, während sich meine Persönlichkeit auflöst, ist ein Albtraum für mich. Sollte ich mich irgendwann freiwillig in den Tod stürzen, wäre das der Grund. Aber bis dahin werde ich mein Leben so erfüllt wie möglich leben, jeden Tag, jede Minute.

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