© Tomi Ungerer Estate, 2018; Jérome Bonnet/​Modds;

Aria Ungerer: "Als Vater war er gleichermaßen großartig und furchtbar"

Als Kind nervte es Aria Ungerer, wenn die Leute auf der Straße ihren Vater nach Autogrammen fragten. Später arbeitete sie eng mit ihm zusammen – ein Privileg, findet sie heute. Interview: und
ZEITmagazin Nr. 43/2019

ZEITmagazin: Frau Ungerer, Ihr Vater Tomi Ungerer ist im Februar im Alter von 87 Jahren gestorben. Wenn Sie jetzt an ihn denken: Was fällt Ihnen als Erstes ein?

Aria Ungerer: In den letzten Tagen seines Lebens war er einfach nur glücklich. Er arbeitete an neuen Kurzgeschichten, die er geschrieben hatte, gemeinsam mit einer irischen Lektorin, die mehrmals in der Woche zu Besuch kam. Sie hatten gerade die ersten beiden Geschichten fertiggestellt. Und er freute sich über seine neue Galerie in Paris, über zwei Ausstellungen, die er vorbereitet hatte. Die Erinnerung an seine Euphorie aus diesen Tagen hilft mir zurzeit sehr bei meiner Arbeit.

ZEITmagazin: Wir widmen dieses ZEITmagazin Ihrem Vater Tomi und seinen Werken, insbesondere aus seinem letzten Lebensjahr. Es gibt so viel zu sehen, er muss unglaublich kreativ gewesen sein bis zum Schluss.

Ungerer: O ja, das war er. Er hat in seinen letzten Monaten Collagen und Objekte gemacht, zwei Kinderbücher fertiggestellt, und zur Eröffnung des Poster-House-Museums vor wenigen Monaten in New York hat er eine ganze Reihe von Plakaten gemalt.

ZEITmagazin: New York spielt eine große Rolle im Leben Ihres Vaters: Hier erlebte er in den Sechzigerjahren seinen Durchbruch, erst in der Werbung, dann als Kinderbuchautor.

Ungerer: Ja, das war vor meiner Zeit, aber ich weiß, dass er mit vielen spannenden Leuten befreundet war damals, aus der Werbung, vom Film und aus der literarischen Welt, Schriftstellern wie Philip Roth, vielen Illustratoren seiner Generation.

ZEITmagazin: Und er war Nachbar von Bob Dylan.

Ungerer: Bob Dylans Tochter und meine Halbschwester aus der zweiten Ehe meines Vaters haben oft zusammen gespielt, man hat sich über den Gartenzaun gegrüßt. Meine Mutter war ein Riesenfan von Bob Dylan, plötzlich lebte sie Tür an Tür mit ihrem Idol. Ich habe sie vor Kurzem gefragt, ob sie nie versucht habe, sich mit Bob Dylan anzufreunden. "Niemals", hat sie gesagt, dafür war sie zu höflich.

ZEITmagazin: Ihr Vater wurde ein Star, es war die Ära der erfolgreichen Werber, wie sie in der Serie Mad Men gezeigt wird. Eine Zeit lang war Tomi Ungerer Kolumnist für den Playboy.

Ungerer: Ich glaube, er schrieb vor allem über Wein. Er liebte Wein. Und als Franzose in Amerika hätte er wahrscheinlich alles über Wein schreiben können – man hätte ihn dafür bewundert. Als meine Eltern in den Siebzigerjahren nach Irland zogen, wurde in Cork City ein Weinlager geschlossen. Die Leute dort hatten offenbar keine Ahnung, welche Schätze sie besaßen, und boten sie für wenig Geld an. Mein Vater hat das gesamte Lager gekauft, den Wein haben sie noch jahrelang getrunken.

ZEITmagazin: Tomi Ungerer kam auch wegen eines Skandals zurück nach Europa. Nachdem er als Kinderbuchautor jahrelang gefeiert worden war, veröffentlichte er 1969 Fornicon, ein Buch über sexuelle Fantasien.

Ungerer: Es war eine Satire über die Mechanisierung von Sex in der Gesellschaft, andere haben das alles wörtlich genommen, was Tomi nie so gemeint hat.

ZEITmagazin: Die New Yorker Gesellschaft hat den Humor offenbar damals auch nicht gesehen. Tomi Ungerer hat erzählt, dass er plötzlich vom geliebten Kinderbuchautor zur Persona non grata wurde.

Ungerer: Tomi hat es schon geliebt, Agent Provocateur zu sein, aber die Doppelmoral hat er nicht ausgehalten. Ende der Sechzigerjahre wollte er nur noch weg von New York.

ZEITmagazin: In seiner New Yorker Zeit hat er auch den berühmten Werbeslogan für die New York Times erfunden, "Expect the unexpected" – Erwarten Sie das Unerwartete.

Aria Ungerer mit ihrem Vater Tomi Ungerer © Foto  Daniel Delang

Ungerer: Er war unglaublich stolz auf den Satz, Englisch war ja nicht seine Muttersprache. Er war überhaupt stolz auf sein Englisch, er hat übrigens alle seine Kinderbücher auf Englisch geschrieben, vielleicht hat das auch damit zu tun, dass er in Amerika mit Kinderbüchern begonnen hat. Er sprach fließend Französisch, Deutsch und Englisch, aber am Ende sprach er am besten Englisch.

ZEITmagazin: Haben Sie mit ihm Englisch gesprochen?

Ungerer: Ja, und Französisch, als ich klein war. Damals waren wir oft in Frankreich, und immer wenn wir dort waren, hat die ganze Familie Französisch gesprochen, meine Mutter auch.

ZEITmagazin: Ihre Mutter Yvonne ist seine dritte Ehefrau.

Ungerer: Als wir Kinder klein waren und meine Eltern mit uns im Auto saßen und sich gestritten haben, haben sie immer Deutsch gesprochen. So haben wir auch ein paar Brocken Deutsch gelernt.

ZEITmagazin: Deutsch ist eine gute Sprache zum Streiten?

Ungerer: Wenn Tomi etwas kaputtging, hat er jedenfalls immer auf Deutsch "Scheiße!" gerufen. Oder wenn etwas schiefging: "Verdammt noch mal!", natürlich auch auf Deutsch. Das französische merde hat er nur manchmal gesagt.

ZEITmagazin: Das schreit nach einem Wörterlexikon von Tomi Ungerer!

Ungerer: Stimmt, ich werde darüber mit meiner Mutter und meinen Brüdern reden, wir bekämen da bestimmt einiges zusammen. Fuck hat er übrigens nie verwendet, das war ihm zu obszön. Manchmal war er durchaus konservativ.

ZEITmagazin: Hat er seine Kinderbücher selbst ins Deutsche übersetzt?

Ungerer: Nein, und als er vor einigen Jahren die Bücher als Hörbücher eingelesen hat, ist er bei einem Buch vollkommen ausgeflippt. Ich verrate Ihnen nicht, welches und in welcher Sprache, aber nach drei Seiten rief er laut: "Was soll das? Das klingt überhaupt nicht nach mir!" Der Verlag hat das Buch dann noch einmal neu übersetzen lassen. Früher hat er sich um so etwas wie Übersetzungen einfach nicht gekümmert, er hatte schlichtweg keine Zeit dafür. Er hatte immer so viele Projekte im Kopf, das war ihm wichtiger.

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