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Désirée Nosbusch: "Ich hatte mich verloren"

In einer Identitätskrise sah die Schauspielerin den Film "Fame" – und änderte ihr Leben. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 43/2019

ZEITmagazin: Frau Nosbusch, Sie haben schon als Zwölfjährige eine Radiosendung moderiert. Wie kam es dazu?

Désirée Nosbusch: In den Schulferien saß ich mit einer Freundin bei Radio Luxemburg in einer Kindersendung und wurde interviewt. Nach der Sendung verließen wir das Studio, und gegenüber aus dem Fahrstuhl kam Frank Elstner und bat mich, meine Telefonnummer dazulassen. Drei Wochen danach wurde ich dann gefragt, ob ich Pierre Brice fürs Kinderprogramm interviewen möchte. Und sechs Monate später hatte ich meine eigene Sendung: Hits von der Schulbank. Ich war für den Inhalt der Sendung verantwortlich. Schulklassen aus Deutschland haben mir ihre persönlichen Hitparaden geschickt und dazu ihren am meisten gehassten Song und Kommentare und Anekdoten zu Lehrern und Schülern.

ZEITmagazin: Die Sendung war erfolgreich.

Nosbusch: Ja, sehr. Bald darauf arbeitete ich für das ZDF als Moderatorin der Musicbox. Und dann kam das Angebot zu Der Fan.

ZEITmagazin: Einem Kinofilm, dessen Nacktszenen mit Ihnen zum Skandal wurden.

Nosbusch: Ich war 16. Alles war so schnell gegangen, dass ich mich fremdgesteuert fühlte, ich konnte gar nicht mehr Ja oder Nein sagen. Und was die Nacktheit angeht, war ich belogen worden. Ich habe versucht, eine einstweilige Verfügung gegen den Film zu erwirken – vergeblich. Für das ZDF war ich danach erst mal nicht mehr tragbar, ich sollte ja das Aushängeschild für die Jugend sein. Ich war verzweifelt. Dann gab es auch Versuche, mich zu rehabilitieren, ich wurde zum Beispiel für das Cover einer Fernsehzeitschrift fotografiert, mit Osterlamm auf dem Arm und Schleife im Haar. Aber das war ich auch nicht. Ich rebellierte innerlich. Ich hatte mich verloren.

ZEITmagazin: Wie haben Sie wieder zu sich gefunden?

Nosbusch: Ich bin in Berlin ins Kino gegangen, in den Film Fame. Der handelt von jungen Menschen, die an einer Schule für darstellende Künste in New York studieren. Ich sah ihre Lebensfreude, wie sie sangen, tanzten, schauspielerten. Ich sah die Freiheit, die man mir genommen hatte. Das war das, was ich sein wollte. Als ich an dem Abend aus dem Kino kam, war mir klar: Ich gehe nach New York!

ZEITmagazin: Sie besuchten dort vier Jahre lang die Schauspielschule von Herbert Berghof und Uta Hagen.

Nosbusch: Ja. Um Geld zu verdienen, habe ich gekellnert, nebenbei eine Kolumne für eine Pop-Zeitschrift geschrieben und eine Radiosendung für den NDR gemacht. An der Schauspielschule war ich wahnsinnig glücklich. Herbert Berghof gab mir einen Satz mit auf den Weg, den ich nie vergessen habe: "Wir machen diesen Beruf für die wenigen kleinen Momente, in denen wir das Gefühl haben, zu fliegen." Ich hatte auf einmal das Gefühl, dass ich fliege.

ZEITmagazin: Konnten Sie es sich erhalten?

Nosbusch: 1984 überredete mich ein Freund, den Eurovision Song Contest in Luxemburg unter seiner Regie zu moderieren. Über Nacht war ich in Europa bekannt, tourte jahrelang durch viele Länder und moderierte überall, wo man in drei Sprachen im Abendkleid auf einer Showtreppe nicht stolpern durfte. Irgendwann hatte ich das Gefühl, zu fliegen, wieder ein Stück weit verloren. Dann kam mein Privatleben dazwischen, ich heiratete, ging mit meinem damaligen Mann nach L.A. und habe dort zwei Kinder großgezogen. Das war auch eine wunderbare Zeit. Aber an den Satz von Berghof habe ich mich immer erinnert. Was ich in New York gelernt hatte, waren die Gründe, warum ich schauspielern wollte. Mir ging es um Inhalte, um die Reise in das Leben eines Menschen, darum, mir über eine Rolle neue Themen zu erschließen. Das ist ein Geschenk. Den Kopf einschalten zu dürfen, alles aufzusaugen, um es dann im Bewusstsein nach hinten zu schieben und der Intuition zu vertrauen. Das hat mich immer fasziniert.

ZEITmagazin: Warum haben Sie die Angebote nicht abgelehnt, die dem nicht entsprachen?

Nosbusch: Ich hatte lange das Gefühl, dass ich die Erwartungen meiner Eltern nicht erfüllt habe: Ich habe kein Studium, keinen normalen, anerkannten Beruf. Daraus hat sich der Gedanke entwickelt, dass ich besonders viel leisten muss. Deshalb fiel es mir immer schwer, Nein zu sagen. Irgendwann habe ich mich selbst genervt damit. Heute kann ich sagen: Alles ist gut. Mein Traum, den ich in New York hatte, hat sich erfüllt.

ZEITmagazin: Für Ihre Rolle in der Serie Bad Banks wurden Sie mit Preisen ausgezeichnet.

Nosbusch: Ich empfinde zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich Anerkennung bekomme für die Sache, für die ich eigentlich immer antreten wollte. Vor Kurzem war ich mit meinem jetzigen Mann in einem Restaurant. Am Nebentisch saßen zwei Schauspielkollegen, die ich sehr verehre. Als sie gingen, blieben sie stehen und sagten: "Frau Nosbusch, großartig, wir gratulieren." Ich hatte das Gefühl, endlich dazuzugehören. Und das ist wunderbar. Meine Kinder sind Musiker, und wenn sie mal bedrückt sind, weil etwas nicht so klappt, sage ich nur: "Schaut euch eure Mutter an." Ich musste 54 werden, bis die Anerkennung kam. Glaubt an euren Traum.

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