Harald Martenstein: Über das Beantworten unbequemer Kinderfragen und den Umgang mit frühkindlicher Kriegsbegeisterung

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 43/2019

Ich habe ein pädagogisches Problem. Bei uns in der Nähe steht ein Hochbunker. Mein Sohn hat mich gefragt, warum dieses Haus so seltsam aussieht. Da habe ich ihm halt erklärt, wozu ein Bunker gut ist. Und habe erzählt, dass früher mal Krieg war und Bomben fielen und in Berlin viele Häuser kaputtgingen. Über die Details der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs muss man mit fünf Jahren meiner Ansicht nach noch nicht Bescheid wissen. Man muss auch nicht wissen, was ein Börsencrash ist und warum Stripteasetänzerinnen ihre Kleider einfach wegwerfen dürfen, statt sie ordentlich zusammenzulegen. Ich möchte gern alles so kindgerecht wie möglich machen.

Nun wollte er wissen, ob bald wieder Krieg kommt, und ich habe beruhigend gesagt, nein, wir vertragen uns heute gut mit unseren Feinden von früher, wir sind jetzt beste Freunde. Das ist sicher ein bisschen geschönt, was das Verhältnis zu Russland, Großbritannien und den USA angeht.

Mein Sohn sagte: "Schade." Er liebt es, Ritterschlachten zu inszenieren. Er fragte, ob sein Opa auch im Krieg gekämpft hat. Ich sagte wahrheitsgemäß, dass mein Vater Pilot war, Kampfflieger, und dass nur ganz wenige Piloten den Krieg überlebt haben, seine und meine Existenz seien also das Ergebnis eines unwahrscheinlichen Glücksfalls. Krieg ist sehr schlimm, weil ... Er unterbrach mich. "Dann war mein Opa einer der besten Piloten. Keiner konnte ihn abschießen." Seine Augen leuchteten. Herr im Himmel, was sollte ich tun? Von Hitler erzählen? Ich hab’s nicht übers Herz gebracht. Bevor er Hitler kennenlernt, sagte ich mir, soll er erst mal seinen toten Großvater kennenlernen, und zwar auf positive Weise, weil der ein lieber Kerl war.

"Er war sehr gut, ja."

In Wirklichkeit hat mein Vater einfach nur Glück gehabt und sich bei der ersten Gelegenheit den Amis ergeben. Ein Kämpfertyp war er nicht, mehr so der Durchwurstler.

Mein Sohn ist jetzt fasziniert vom Krieg wegen dieses verdammten Hochbunkers, auf dessen Dach heute superteure Eigentumswohnungen stehen, vermutlich mit Hipstern darin. Er fragte neulich: "Wenn Deutschland gegen Amerika kämpft, wer ist dann stärker?" Ich sagte die Wahrheit, wieder ergänzt durch den Hinweis, dass wir doch beste Freunde sind und Amerika uns außerdem beschützt, was ja nun auch eine leicht vereinfachte Schilderung der politischen Großwetterlage darstellt.

Danach ging er alle Länder durch, die er kennt. Spanien gegen Deutschland? Norwegen gegen Deutschland? Österreich? Türkei? Ich kann mein Kind nicht immer belügen. Ich sagte jedes Mal, dass dann wohl die anderen gewinnen, dass es sowieso nicht dazu kommt, aber dass gegebenenfalls die tapferen Amerikaner uns gegen das mächtige Österreich bestimmt beschützen. Er war vor Enttäuschung den Tränen nahe.

Dann hatte ich eine Idee.

"Im Fußball sind wir richtig gut. Fußball ist viel wichtiger als Krieg und auch nachhaltiger."

"Sind wir im Fußball sogar besser als Amerika?"

"Und ob. Viel besser." Zum Glück fragte er nicht nach Österreich, da könnte es neuerdings eng werden.

Er kam aus der Kita zurück. Sein türkischstämmiger Freund behauptet, die Türkei sei auch im Fußball besser als Deutschland. Ich sagte: "Das ist nicht wahr. Die Türkei ist im Fußball nur mittelgut."

"Aber wir sind sehr gut?"

"Verdammt gut, mein Junge. Verdammt gut."

Ich will einfach nur, dass er ein halbwegs positives Verhältnis zu seiner Herkunft entwickelt und kein neurotisches. Das liegt jetzt ganz in den Händen von Jogi Löw. Vor der nächsten EM habe ich ein bisschen Angst.

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Gratulation, lieber Kolumnist, Sie haben kein "pädagogisches Problem" (im Gegensatz zu Jogi Löw) - und kindergerecht ist Ihre Art, sich und Junior den bösen Realitäten wahrheitsangenähert zu stellen, allemal. Was "Krieg" wirklich bedeutet, ist in der "Tagesschau" (auch in dessen Kinder-Format) hinreichend plastisch zu besichtigen. Mein Jüngster bekam vor 25 Jahren zufällig die Berichterstattung über den Granatenbeschuß des Marktplatzes von Sarajevo mit - von nun an hielt er die "Tagesschau" für einen Horrorfilm, widmete sich aber irgendwelchen Shooter-Games weiterhin ("Ha Papa, Headshot"). Ihm war klar, daß Spiel und Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen stattfanden. Die elende Ritter-Romantik, fortgesetzt in Star-Wars-Klamotte - das Lichtschwert Balmung ist eben unvermeidbar; "nimm das, Nichtswürdiger", Bruce Willis hätte jetzt "Yippieyeah, Schweinebacke" gebrummt. Sie könnten aber einfließen lassen, daß in einer wichtigen Schlacht des Mittelalters auf 30 tote Ritter (lauter "Betriebsunfälle") 600 tote Knappen (ab 15 Jahren) kamen. Na dann, auf zum puerilen "Klopffechten" (mit Holz, natürlich - zur Übung) ...