Sido: Über Heiratsanträge

© Patrick Albertini/​Euroleague Basketball/​Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 43/2019

Es geschah kurz vor dem Abspann: In einer Folge der Casting-Show The Voice of Germany bat einer der Kandidaten nach seinem (erfolglosen) Vorsingen seine Freundin auf die Bühne, ging auf die Knie, zog einen Ring hervor und fragte sie, ob sie seine Frau werden wolle. Kreischseufz im Publikum, romantische Musik, stummes Nicken der zukünftigen Braut, kreisende Kamerafahrt um das Paar. Und, selbstverständlich, immer wieder Close-ups des einzigen weiblichen Jurymitglieds, denn ist ja klar: Mädels, von so was träumt ihr doch alle!

Natürlich. Welche Frau wünscht sich nicht, einen zutiefst privaten Moment mit Millionen Fremden zu teilen, die vielleicht gerade auf dem Sofa in der Nase popeln? Mit Rosenblättern, Herzchenluftballons und Prosecco zum Sound von Bon Jovis Always überschüttet zu werden, so als hätte der Fragende im nächstgelegenen Baumarkt schnell den Fertig-Bausatz "Heiratsantrag" gekauft? Im schlimmsten Fall eine vielleicht lebensentscheidende Frage gestellt zu bekommen, bei der die ehrliche Antwort das Gegenüber unter Umständen nicht nur zutiefst enttäuschen, sondern angesichts der Zuschauermassen demütigen würde? Ein Gefühl wie ein "Romantik pur"-Wochenende im Wellnesshotel. Oder kurz: Erpressung.

Trotzdem wird von den Zuschauern erwartet, dass sie diese Anträge gut finden. Als bei The Voice der Juror Sido das Paar schon von der Bühne bat, bevor der Ring angesteckt werden konnte, und dann leicht genervt auf seine Uhr blickte, bis auch das erledigt war, fanden seine Jurykollegen das äußerst unpassend. Denn wenn auch der Antrag selbst vielleicht nicht gefällt, so soll doch zumindest der Mut gewürdigt werden, vor so vielen Menschen seine Gefühle offenbart zu haben. Dabei ist es doch wie bei einem Sprung vom Zehnmeterbrett: Wenn alle zuschauen, ist der Druck so groß, dass man es eben einfach macht. Wer Wochen vorher mit einem Fernsehsender alles abgesprochen hat, kann nicht mehr zurück. Viel mehr Mut gehört dazu, den anderen unter vier Augen die große Frage zu fragen.

Statt Mut offenbart sich im öffentlichen Antrag vielmehr die Geltungssucht: Bei YouTube finden sich zahlreiche Videos mit Titeln wie "spektakulärer/aufwendigster/schönster Heiratsantrag". Da könnte man als Gefragte/-r schon auf die Idee kommen: Moment mal, geht es hier eigentlich um mich – oder vielleicht darum, in die ewige Hitliste der besten Anträge zu kommen?

Sido kommentierte die Reaktion seiner Kollegen übrigens mit einem Achselzucken und sagte dann in seinem festlichen Trainingsanzug den einzigen, sehr einfachen, sehr wahren Satz, den sich alle merken sollten, die demnächst Ähnliches vorhaben: "Musst du dir halt überlegen, wo du das machst."

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