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Leslie Mandoki: "Das war der berühmte Gulaschkommunismus"

Als der Musiker es im kommunistischen Ungarn nicht mehr aushielt, wagte er die Flucht. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 44/2019

ZEITmagazin: Herr Mandoki, Sie sind 1975 im Alter von 22 Jahren mit zwei Freunden aus Ungarn geflüchtet. Warum?

Leslie Mandoki: Ich konnte die stalinistische Diktatur nicht mehr ertragen, der massive Leidensdruck zwang mich zur Flucht. Ich sehnte mich nach Freiheit, obwohl ich gar nicht wusste, was das ist.

ZEITmagazin: Wie kam es dazu?

Mandoki: Mein Vater war Musiker, er starb, als ich 16 Jahre alt war. Er hat mir immer gesagt: "Diese Diktatur, das ist nichts für dich, geh und lebe deine Träume, träume nicht dein Leben." Das war der Schlüsselsatz für mich. Eines Tages sah ich einen ungarischen Film. Es ging um den gescheiterten Fluchtversuch eines Kfz-Mechanikers, der im Gefängnis saß. Er lag auf dem Rücken und blickte zu einer wunderschönen Studentin der Partei hinauf. Sie fragte ihn: "Genosse, warum wollten Sie das Paradies des Arbeiter-und-Bauern-Staats verlassen und zu den Imperialisten wechseln?" Er fragte zurück: "Frau Genossin, wie groß sind Sie?" Sie antwortete, dass ihn das nichts angehe. Nach einigem Hin und Her meinte sie: "1,70 Meter." Da sagte er: "Na, Frau Genossin, denken Sie mal darüber nach, wie es sich anfühlt, wenn man mit 1,70 in einem Raum leben muss, der nur 1,60 hoch ist." Als ich diese Schlüsselszene im Kino sah, wurde es mir plötzlich klar, ich muss weg.

ZEITmagazin: Haben Sie mit jemandem darüber gesprochen, dass Sie fliehen wollen?

Mandoki: Ich konnte damals mit niemandem über meine Pläne sprechen, auch nicht mit meiner Rockband Jam. Ich erschien eines Tages einfach nicht zu einem Auftritt. Es war die einzige Möglichkeit, sicherzustellen, dass niemand meine Kumpel oder meine Mutter foltern wird. Selbst meine Mutter wäre verpflichtet gewesen, mich anzuzeigen. Auf Mitwisserschaft standen fünf Jahre Freiheitsstrafe. Ich hatte auch später meiner Mutter gegenüber ein schlechtes Gewissen. Als ich schon in Deutschland war, kam alle zwei Tage ein Brief von ihr: Komm wieder heim, es sind ja nur drei Jahre Gefängnis. Das war sehr schwierig für mich.

ZEITmagazin: Vor Ihrer Flucht waren Sie sogar mehrmals verhaftet worden.

Mandoki: 17-mal, das erste Mal mit 19. Unsere Band bestand aus fünf Musikern, zu unseren Konzerten kamen bis zu 5.000 Leute. Für die Konzertplakate verwendeten wir Eternitplatten, aus dem Filzmantel von meinem Großvater haben wir Buchstaben rausgeschnitten und aufgeklebt und das alles dann an den Unis aufgehängt. Wir waren die Rockstimme der Opposition, und es war berechtigt, dass die Behörden vor uns Angst hatten. Eines Tages haben sie mich von der Bühne geholt und ganz gemütlich abgeführt. Als ich im Auto saß, dachte ich, wie dämlich sind die Behörden denn, dass sie diese Wende nicht zulassen? Die Studenten wollen doch nur ein bisschen mehr Freiheit, dass die Zensur gelockert wird. Im Gefängnis sagte mir einer, pass mal auf, die Grenzen können ausgetestet, aber nicht überschritten werden. Das war der berühmte Gulaschkommunismus.

ZEITmagazin: Wie viel stand für Sie damals auf dem Spiel?

Mandoki: Sehr viel, ich stand vor meiner Einberufung in die Armee. Die wollten mich in eine Einheit zur Umerziehung für Renitente stecken, so wurden rebellische Künstler und Freidenker zur Raison gebracht. Man musste zum Beispiel stundenlang bei 40 Grad in der Hitze liegen, die Leute sind reihenweise durchgedreht. Ich wusste, ich muss definitiv weg.

ZEITmagazin: Wie haben Sie es schließlich nach Deutschland geschafft?

Mandoki: Wir hatten als Musiker Dienstpässe, damit kamen wir nach Jugoslawien. Von Slowenien aus liefen wir nachts durch den Karawankentunnel für die Eisenbahn nach Österreich, der ist acht Kilometer lang und war damals bewacht. In der Mitte war die Grenze. Fast die ganze Strecke war es stockdunkel, immer wieder kamen Züge. Als wir am anderen Ende rausstolperten, haben wir ein Transformatorenhäuschen umarmt, so glücklich waren wir.

ZEITmagazin: Sie sind dann in München gelandet und haben recht schnell in der Musikszene Karriere gemacht. Kannten Sie die Musik überhaupt, die man damals im Westen hörte?

Mandoki: Ja, der Sound von Woodstock, der Geist der Freiheit, hat mich sehr geprägt. Die Schwester meiner Mutter ging 1956 während des studentischen Aufstands nach Amerika. Als sie 1972 nach einer Lockerung für 56er-Flüchtlinge das erste Mal wieder nach Ungarn kam, brachte sie mir viele Vinylplatten mit. So hörte ich von Woodstock. Und hätte mein Vater nicht mit eiserner Härte durchgesetzt, dass ich Musiker werde, weil er sagte, Talent verpflichtet, du musst eines Tages die Familie ernähren, dann wäre ich vielleicht Dichter oder Maler geworden. Durch die Musik habe ich eine Sprache, die überall verstanden wird. Ich habe dann alles, was ich erlebte, die Flucht, das Heimweh, das neue Leben, auch in Deutschland in Lieder packen können. Die Musik war meine Rettung.

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