Olga Tokarczuk: "Das Paradies ist ein bis zur Schmerzlichkeit unveränderlicher Ort"

© Thomas Rabsch
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 44/2019

In meinen Träumen kommt immer wieder ein Ort vor, den ich im realen Leben nicht kenne. Es ist eine namenlose Siedlung inmitten einer grünen, hügeligen Gegend, die nie völlig gleich aussieht. Hin und wieder fließt ein Fluss durch die Landschaft, mal gibt es eine Brücke, mal nicht. Die Stimmung, wie die Natur, kann friedlich oder bedrohlich sein. Ich bewohne dort ein Haus, das nicht immer an derselben Stelle steht, auch die Anordnung der Räume ist nicht immer die gleiche: Der Dachboden kann sich zum Beispiel in einen Keller verwandeln oder gänzlich verschwinden. Im Nachbarhaus mag eine Kinderschar fröhlich herumtoben oder, im nächsten Traum, ein alter, vereinsamter Junggeselle vor sich hin dösen. Ich wundere mich über die Abenteuer, die sich dort ereignen. Neulich trat zum Beispiel der Fluss über die Ufer, das Wasser überflutete den Hof und drohte ins Haus einzudringen.

Was bedeutet dieser Ort, was bedeuten die bizarren Vorkommnisse? Ist diese Siedlung vielleicht aus einem längst vergessenen Film in mein Unterbewusstsein gewandert, oder entspringt sie einer verschwommenen Kindheitserinnerung? Spiegelt die flüchtige Landschaft einen seelischen Zustand oder Ereignisse, die anderenorts stattfinden? Trotz aller Veränderungen weiß ich, dass es immer derselbe, deutlich erkennbare Landstrich ist. Ganz sicher ist dieser Traumort kein Paradies; die Dinge sind dort dem Verfall anheimgegeben, immer wieder ist etwas zu richten oder zu reparieren. Womöglich ändert sich nicht allein seine Erscheinung, sondern auch seine Bedeutung, die ich gerade deshalb nicht zu enträtseln vermag. Ich versuche es immer wieder aufs Neue.

Solche schwankenden, unsteten Traumbilder können eine Metapher für eine sich unablässig wandelnde Welt sein, die ein Schriftsteller kaum in Worte fassen kann, weil Literatur ein langsames Gewerbe ist: Der langwierige Schreibprozess kann mit dem heutigen Tempo kaum Schritt halten. Umso größer unsere Sehnsucht ist nach festen Bezugs- und Ankerpunkten, in einer Welt, die sich – so Zygmunt Bauman – zunehmend verflüssigt. Verständlicherweise weckt bei manchen Menschen die zunehmende Flüchtigkeit der Dinge das Bedürfnis nach stabilen, unverrückbaren Richtwerten. Beides hat seine Tücken, das Fließende wie das Feste. Das Paradies ist ein stabiler, bis zur Schmerzlichkeit unveränderlicher Ort – zu Menschen wurden Eva und Adam erst nach ihrer Vertreibung. Davor kannten sie kein Leid, keine Vergänglichkeit, keinen Tod. Die Vertreibung aus dem Paradies setzte die Zeit in Bewegung – wie ein Film, der auf Knopfdruck zu laufen beginnt.

Ich habe überlegt, ob ich eines Tages losziehen und diese rätselhaft vertraute Siedlung suchen sollte. Aber wo? Möglicherweise ist es ein Ort aus der Vergangenheit, aus einem früheren Leben. Vielleicht hat ihn der Erzähler meines nächsten Romans erdacht, der hin und wieder von mir träumt.

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