Schals für Männer: Falsch gewickelt

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 44/2019

Im kommenden Winter werden wir viele sehr lange Schals sehen. Jedenfalls wenn wir davon ausgehen, was in den verschiedenen Designer-Kollektionen gerade offeriert wird. Da sehen wir bei Loewe etwa einen orange-grün gestreiften Schal, der beim Gehen fast über den Boden schleift. Der Pariser Designer Alexandre Mattiussi zieht dem Mann einen schlammbraunen Schal an. Bei Gucci dürfen Männer Wollschals mit sich herumtragen, die wie Stoffmonster wirken. Und auch bei Dior Men und Dries Van Noten gibt es Schals, die so lang sind, dass man aufpassen muss, nicht draufzutreten.

Es ist zu befürchten, dass diese Mode, so sie sich durchsetzt, die Sache für den Mann unnötig verkomplizieren wird. Hat er doch schon mit dem Schal in normaler Länge zu kämpfen. Denn wie er ihn auch bindet, der Schal will nicht recht passen. Er sieht fast nie so richtig, richtig gut aus. Legt der Mann den Schal in den Kragen und lässt die Enden unter dem Revers verschwinden, sieht er aus wie ein Rentner, der einen auf Dandy macht. Legt er den Schal in einer Schlaufe um den Hals, macht er den Eindruck, als habe er ihn sich von Mama vor der Schule binden lassen. Also bleibt nur, den Schal lose um den Hals zu legen. Aber auch das ist nicht einfach. Legt man ihn zu locker, sieht es leicht verwahrlost aus, so als wäre man nicht ganz angezogen aus dem Haus gegangen. Legt man ihn zu eng, macht man den Eindruck, als habe man eine schwere Erkältung. Und dann ist da noch die Sache mit den Enden des Schals. Verbirgt man sie beide in den Windungen des Schals, sieht man aus wie ein Wollknäuel. Hängen beide nach vorn, erinnert das an eine um eine Gabel gewickelte Bandnudel. Und hängt ein Ende nach vorn, das andere aber über dem Rücken, sieht es unfreiwillig komisch aus. Die einzige Art, einen Schal einigermaßen würdig zu tragen, ist, ein Ende locker nach vorn baumeln zu lassen und das andere wie zufällig in den Windungen des Schals zu verbergen.

So kompliziert ist es also, einen normalen Schal zu tragen. Leider sind sich Männer dessen gemeinhin nicht bewusst. Die meisten finden nämlich, dass ihnen ein Schal hervorragend steht und etwas Besonderes verleiht. Etwas Künstlerisches, etwas Wildes, etwas Unkonventionelles. Darum schlingen sich all jene, die nun keine Krawatten mehr tragen wollen, mit Begeisterung Schals um den Hals. Sie lieben es, diese Schals in irgendeiner Weise anzulegen, und sind stolz auf ihre Außenwirkung. Viele finden sogar, dass sie umso besser aussehen, je mehr Schal sie am Hals haben. Diesen Winter werden diese Männer auf die längsten Schals treffen, die sie je gesehen haben, ganz verrückt danach sein und sich schön fühlen wie nie. Alle anderen seien getröstet. Es wird auch wieder Frühling.

Foto: Peter Langer / Eine lange Geschichte: Schal von Dior Men

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