Britisches Königshaus: Über Bruderstreite

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 45/2019

Eltern sterben irgendwann, Freunde haben eine gewisse Lebensphasenhalbwertszeit. Die Menschen jedenfalls, mit denen man im Kindergarten Löcher gebuddelt hat, sind selten diejenigen, mit denen man an seinem 80. Geburtstag Grog trinken wird. Freunde darf man aus den Augen verlieren, da sagt keiner was. Bei Geschwistern ist das anders. Mit denen sollte man lebenslang klarkommen, an ihre Kinder Geschenke verschicken, mit ihnen die Pflege der Eltern absprechen. Geschwister wird man also nicht los. Nur deshalb kann man als Kind mit seinen Geschwistern die Grenzen der Gemeinheit testen, also intensiv streiten: weil sie bleiben, sowieso. Geschwister sind also wunderbar, weil man vor ihnen nichts zurückhalten muss. Aber genau deshalb bringen sie auch das Schrecklichste in einem zum Vorschein.

Wer allerdings ein Prinz ist und einen Prinzen als Bruder hat, der bekommt zu den klassischen kindlichen Geschwisterstreiten kaum Gelegenheit. Prinz Harry und Prinz William, die Enkelsöhne der Queen, werden bestimmt an so riesigen Tafeln diniert haben, dass sie sich nie unterm Esstisch gegen die Schienbeine treten konnten. Sie mussten wahrscheinlich auch nie um das letzte Wassereis streiten, weil bei Wassereisbedarf sofort eine berittene Garde zum nächsten Tesco-Supermarkt gesandt wurde. Und sie konnten sich wahrscheinlich nie prügeln, nie Türen knallen, weil die Palastflure so lang waren, dass sie sich auf dem Weg zum brüderlichen Kinderzimmer jedes Mal verlaufen haben. Was für eine traurige Kindheit.

Nun hat Prinz Harry, zwei Jahre jünger als sein Bruder William, in einer Fernsehdokumentation die Gerüchte bestätigt, dass die Brüder aktuell, na ja, "auf verschiedenen Wegen gehen", was in der Übersetzung der Boulevardpresse als "Zerwürfnis" gewertet wird, auch wenn es vielleicht nur schnödes Abstandhalten ist. Tatsächlich sind Harry und Meghan im Frühjahr aus dem Kensington-Palast ausgezogen, den sie sich mit William und Kate geteilt hatten. Ein Schritt, zu dem wir Harry und Meghan ausdrücklich beglückwünschen. Wer heiratet und es sich leisten kann, der sollte nicht mehr bei den Eltern wohnen und auch nicht beim älteren Bruder. Es ist ja nett, wenn man sich gut versteht – aber so gut?

Wer als Kind zu wenig streitet, weil er etwa in einer royalen Familie aufwächst, der wagt als Erwachsener ein zum Scheitern verurteiltes Experiment wie die Palast-WG und streitet plötzlich über Kleinigkeiten ("Wer hat nach dem High Tea die Sandwichkrümel auf dem handgeknüpften Teppich liegen lassen?"). Für die nächste royale Generation, also die Kinder der Prinzen Harry und William, bedeutet dies: begrenzte Wassereis-Vorräte, Stockbetten, winzige Esstische.

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