Fellstoffe: Auf den Pelz rücken

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 45/2019

Wer einen Pelz trägt, der hat es mehr als nur warm: Mit hochwertigem Fell ist Prestige verbunden. Ob das Leopardenfell der Häuptlinge ostafrikanischer Stämme oder der Hermelin europäischer Könige – in vielen Gesellschaften zeichnete der Pelz hochrangige Persönlichkeiten aus. Im Mittelalter war das Tragen von Pelz zeitweise sogar per Gesetz dem Adel vorbehalten. Doch immer schon wollte der kleine Bürger die Großen imitieren, so auch im frühen 20. Jahrhundert mit dem Pelz: Der Webpelz entstand. Das mit Samt und Plüsch verwandte Material mit einem sehr hohem Flor ist im Grunde ein Flokati-Teppich zum Anziehen. In den Zwanzigerjahren gab es Webpelze aus Wolle, Rayon und Mohair, in den Fünfzigerjahren entwickelte man günstigere Pelz-Imitate aus Kunststoff.

Immer mal wieder sollte Kunstpelz modisch aufgewertet werden, aber er tat sich schwer. So meldete der Spiegel 1973 zur Webpelzmode von Daniel Hechter und Sonja Rykiel: "Synthetische Pelze, wie sie in Paris und London Mode wurden, sollten in diesem Winter auch die deutsche Frau erwärmen; die jedoch blieb dem echten Prestige-Pelz treu." So schön der falsche Wuschelpelz auch war, es haftete ihm immer das Image des billigen Imitats an. Und das obwohl die falschen Pelze laut Spiegel als "warm, pflegeleicht, nicht haarend, antiallergisch und mottenecht" gepriesen wurden.

Heute sind Kunstpelze hingegen sehr beliebt. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass das Töten von Tieren für Modezwecke heute weithin als inakzeptabel gilt. Waren Tierschutz-Proteste einst Sache von wenigen Überzeugungstätern, sind sie inzwischen nicht nur in der breiten Mitte, sondern auch an der Spitze der Gesellschaft angekommen. Mit dem Ergebnis, dass auf den Laufstegen der Luxushäuser mittlerweile kaum noch Echtpelz zu sehen ist. Ob bei Saint Laurent, Gucci, Prada oder Dolce & Gabbana: Wenn es in der Mode kuschelig wird, ist fast immer ein Kunstpelz im Spiel. Allerdings irrt, wer glaubt, dass künstliche Pelze allein deshalb schon umweltfreundlich wären, weil sie nicht von Tieren stammen. Sie bestehen oft aus Acryl, dessen Basis Erdöl ist. Die Produktion verbraucht recht viel Energie: Bei Herstellung, Verarbeitung und Färbung von einem Kilo Acryl entstehen 35 Kilo CO₂. Damit ist es eine der am wenigsten umweltverträglichen Fasern.

Imitate sind heute nur noch schwer von echten Pelzen zu unterscheiden – sowohl optisch als auch im Preis. Eine Kunstfell-Jacke von Gucci kann 5.000 Euro kosten. Wer es günstig möchte, kauft dann schon lieber die Echtpelze aus chinesischer Billigproduktion. In jedem Fall ist die Ökobilanz schlecht.

Foto: Peter Langer / Schön kuschelig: Sneaker in Teddy-Look von Hogan

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