Trauer: "Der Tod ist unfair"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 45/2019

Jemand ist gestorben, eine Verwandte, für Luna einer der liebsten Menschen in der Familie. Sie hatten ein besonderes Verhältnis. Luna kannte sie von klein auf. Und jetzt ist die Trauer da. "Der Tod ist unfair", sagt Luna. Die Verstorbene war Sportlerin, eine stolze Frau in ihren Achtzigern, Schwimmerin. Und dann wurde sie sehr krank, und nun ist sie nicht mehr da. Man könnte sagen, dass ein Mensch, der über 80 ist, ja ein schönes Leben gehabt hat und der Tod nun einmal irgendwann durch irgendeine Tür eintreten muss. Aber trotzdem ist er unfair. Weil er die Menschen rigoros aus dem Leben reißt. Aus dem eigenen Leben und auch aus dem Leben der anderen. Man sagt leicht, dass die Jugend eine unbeschwerte Zeit sei. Aber das ist sie nur bedingt. In der Jugend begegnen einem viele Dinge zum ersten Mal im Leben. Die guten, aber auch die schlimmen. Wenn einem zum Beispiel ein lieber Mensch genommen wird. Davor ist der Tod etwas, das man aus Erzählungen kennt oder aus den Medien. Das hat aber nichts damit zu tun, wie er sich anfühlt, wenn er tatsächlich in das eigene Leben tritt. Das fühlt sich sehr anders an.

Ich weiß selbst, wie es sich angefühlt hat, als mein eigener Großvater gestorben war. Plötzlich war da dieses Nichts. Dieses Nichts, auf das einen niemand vorbereitet. Eine leere Bedrückung. Damals habe ich nicht glauben können, dass alles einfach weitergeht. Dass so etwas Einschneidendes passiert, und trotzdem tun die meisten Menschen so, als sei es normal. Für mich aber war die Welt nicht mehr normal, sie war anders geworden. Und sie bleibt anders, bis das Andere das neue Normal wird. Heute bin ich in einem Alter, in dem ständig Menschen, die ich kenne, sterben. Und ein bisschen ist es für mich auf eine bedrückende Art normal geworden.

Habe ich mein Kind vorbereiten können? Nein, das habe ich nicht. Es trifft einen jungen Menschen aus heiterem Himmel. Als Eltern ist man gewohnt, zu trösten und zu beruhigen. Man ist gewohnt, Zuversicht zu verbreiten und zu sagen, dass alles wieder gut wird. Aber es wird ja nicht alles wieder gut, wie sollte es denn? Und gegen den Tod helfen auch keine Floskeln. Solche Erfahrungen sind vielleicht die ersten, bei denen man sich als Eltern der eigenen Machtlosigkeit bewusst wird. Aber es sind nicht die letzten.

"Das Schlimme ist, dass es keine neuen Erinnerungen geben wird", sagt Luna. "Das Schlimme ist, dass man niemanden mehr besuchen kann, dass man nichts Schönes mehr schaffen kann." Ich sage, dass dies die Zeit ist, wo die alten Erinnerungen wichtig werden, wo man sie hervorkramen muss, um zu entdecken, wie lebendig sie sind. Wir hatten die Verwandte gemeinsam im Krankenhaus besucht. Eigentlich mochte sie gar keinen Besuch haben, weil sie so unglücklich war, wie ihr Körper sich verändert hatte durch die Krankheit. Aber dann waren wir nun einmal da, und es war gut. Den Blumenstrauß gab uns die Kranke mit Dank wieder mit. Es fühle sich sonst nach längerem Krankenhausaufenthalt an, sagte sie, das möge sie nicht. Luna sagt, das einzig Gute sei, dass einem der Tod zeigt, wie wertvoll das Leben ist. Wie sehr man es wertschätzen muss, weil es eben keine Selbstverständlichkeit ist, weil es rar und begrenzt ist. Würde man so etwas nicht erleben, könnte man das Leben nicht spüren. Als Luna ihre Verwandte das nächste Mal traf, war jene schon zu müde, um zu sprechen. Es reichte nur noch für ein freundliches Winken. Das war der Abschied. Der Rest ist Erinnerung.

Kommentare

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Nicht nur die Machtlosigkeit als Vater. Auch einem selbst geht es ja so. Nur dass man immer weniger ehrlich zu sich selbst ist und versucht, sich davon abzulenken, von der eigenen Machtlosigkeit, weil man lernt halt immer mehr, dass man gegen alles was tun können muss. Vielleicht liegt aber die Lösung ganz einfach darin, sich selbst einzugestehen, dass man machtlos ist und einfach mit dem anderen zu trauern. Bedingungslos und ohne Vorwand.