Alli Neumann: "Ich will mit dem Patriarchat in der Musikindustrie brechen"

© Florian Thoss
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 46/2019

Ich träume von Verfolgungsjagden, fremden Menschen, die mir mit schnellen Autos und Verstecken helfen wollen. Ob ich ihnen trauen kann? Keine Ahnung. Ich muss herausfinden, wer mir nicht die Wahrheit sagt und am Ende doch nur halb Mensch, halb Zombie ist.

Dieser Traum, den ich nachts immer wieder habe, spiegelt gewissermaßen meinen Weg ins Jetzt wider. Die richtigen Menschen um sich herum zu haben, solche, die nicht nur danach schauen, was man ihnen bringt, und die einen nicht zu ihrer Projektionsfläche machen – das ist eine meiner größten Herausforderungen.

Mein Produzent ist einer von diesen Menschen. Dass er vertrauenswürdig ist, weiß ich, seit ich zwölf bin. Damals war ich sicher keine übertalentierte Musikerin, aber er hat an mir festgehalten in dem Glauben, dass da was aus mir erblühen kann. Dafür bin ich dankbar. Auch dafür, dass er ständig sagte: Du hast Zeit, mach die Dinge zu deinen Konditionen. Das war nicht immer leicht. Ungeduld kann ziemlich laut sein.

Jahrelang hatte ich Gespräche mit den Haien der Musikindustrie und habe mich nie so richtig wohlgefühlt mit ihnen. So viele, die sagten, was alle sagen. Und im letzten Moment sah ich dann doch wieder nur Zombie-Visagen.

Als ich gerade dachte: "Aus, vorbei, ich studiere jetzt Veterinärmedizin, Musik bleibt mein Hobby", kam plötzlich meine Managerin. Durch sie sehe ich nicht mehr nur die Haie im Becken, sondern auch den Rest des Wassers mit der Freiheit der vielen Optionen, die ich als junge Frau habe. In einem Team lassen sich Alternativen wirklich leben. Das weiß ich auch deswegen, weil ich eng verbunden mit meinen drei Schwestern aufgewachsen bin und bis heute mit ihnen lebe. Dieses Band ist meine Energiequelle.

Mit dem Patriarchat in der Musikindustrie wollen meine Managerin und ich brechen. Mittlerweile habe ich eine Frauenband. Das klingt nach Weltverbesserin, ich weiß – aber im Kunstbereich sollte man doch Vorreiterin sein! Denkanstöße liefern, das geht auch mit Pop.

Noch immer habe ich häufig das Gefühl, als Erste auf den Tisch zu hauen. Es gibt zu viele alltägliche Missstände, die einfach weggelächelt werden. Sich wehren zu können ist das Ergebnis einer langen Suche nach dem, was man wirklich will.

Frausein finde ich erst jetzt richtig gut, weil ich weiß, dass es kein Muss ist, mich strukturell unterzuordnen. Und auch deshalb, weil ich eben nicht mehr naiv sein will, sondern Teil einer guten Bewegung. Ich freue mich schon, zu sehen, was alles heute noch selbstverständlich für uns ist und in zwei Jahren ein No-Go.

Dass Frauen per se besser sind als Männer, denke ich übrigens nicht – unsere Gesellschaft braucht vielmehr Yin und Yang. An allen Tischen dieser Welt sollten diverse Gruppen entscheiden können. Was dort niemand braucht: Arschlöcher, die einen emotional wie finanziell ausbeuten.

Manchmal wünschte ich, früher verstanden zu haben, dass man Leute, die einem nicht guttun, die mit den Zombie-Gesichtern, einfach aussortieren muss, statt immer die Fehler bei sich selbst zu suchen.

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