Cathy Hummels: Über Geständnisse

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Cathy Hummels ist müder denn je – fürs Posten reicht es gerade noch. Von
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 46/2019

Derzeit macht sich auf Instagram ein neues Genre breit: das Geständnis. Instagram, wir erinnern uns, war bis vor Kurzem ein Ort, an dem Menschen anderen Menschen ihr tolles Leben vorführten: ihre designten, aber nicht zu designten Wohnungen, ihr Engagement gegen Plastikmüll, ihre Podcasts, ihre Partner. Selbst wenn drei Kinder im Haus wohnten, sah es so aus, als würden Mama und Papa gleich übereinander herfallen. Das war schön, allerdings mehr für den Instagrammer als für sein Publikum, das sich fragte, wie es sein kann, dass man selbst von seinem unaufgeräumten, podcastlosen Leben so erschöpft ist, dass man es in drei Jahren nicht mal geschafft hat, seine Batterien umweltgerecht zu entsorgen. Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls gibt es jetzt auch auf Instagram Probleme, und das klingt so:

Cathy Hummels: "Hi Mamas, you feel me? Schlaflose Nächte und viel zu frühes Aufstehen sind die Regel. Nicht heute. Heute durfte ich ausschlafen, und wisst ihr was? Ich bin müder denn je. Mein Körper kennt dieses Gefühl, glaube ich, einfach nicht mehr ..."

Oder, dramatischer (Justin Bieber): "Mit 19 habe ich angefangen, ziemlich harte Drogen zu nehmen (...). Ich wurde gereizt, respektlos gegenüber Frauen und wütend. Ich habe mich von allen, die mich liebten, entfernt und habe mich hinter der Hülle versteckt, die ich geworden war."

Oder, ein Tiefpunkt, Isabelle Clarke, Model: "Ich habe meine Haut gehasst. Ich habe meine Sommersprossen überschminkt und habe meine Mutter angefleht, sie weglasern lassen zu dürfen."

Das Geständnis-Genre ist, jenseits von Instagram, natürlich nicht ganz neu. Menschen wollen anderen Menschen nicht dabei zusehen, wie sie ein schönes Leben haben, Menschen wollen anderen Menschen dabei zusehen, wie sie kämpfen, wie sie scheitern und wie sie sich auch mal gegen die Widrigkeiten des Lebens durchsetzen. Deshalb hat Romeo die Julia nicht einfach lieb gehabt, deshalb gibt es Konflikte auf Netflix, deshalb ist die Bunte eine Ansammlung von verlorenen Seelen aus München-Grünwald, deren Leben ganz vielversprechend begann, aber über die Jahrzehnte immer unglücklicher wurde.

Nicht weil wir alle so missgünstig sind, wollen wir davon wissen, sondern weil das Leben so ist und wir uns darin nicht allein fühlen wollen. Denn:

"Was ist Leben? Ein Schatten, der vorüberstreicht! Ein armer Gaukler, der eine Stunde lang sich auf der Bühne zerquält und tobt; dann hört man ihn nicht mehr. Ein Märchen ist es, das ein Thor erzählt, voll Wortschwall, und bedeutet nichts."

Cathy Hummels.

Nein, Unsinn, Shakespeare, übersetzt von Schiller.

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