Fotografieren: "Bei Fotos muss man immer so ein Gesicht machen"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 46/2019

Ich finde es nicht gerade leicht, Fotos von meiner jüngsten Tochter Juli zu machen. Zum Beispiel waren wir zuletzt auf einem Familientreffen. Am Ende des Treffens gab es ein Familien-Gruppenfoto mit Tanten, Onkeln und Cousinen. Meine Frau hat mehrere Bilder gemacht. Sie zeigen eine Gruppe fröhlich lächelnder Menschen und dabei ein Kind, das aussieht, als hätte es gerade in eine Limette gebissen. Oder eine Gruppe fröhlich lächelnder Menschen und dabei ein Kind, das mit verschränkten Armen wütend auf den Boden starrt. Oder eine Gruppe fröhlich lächelnder Menschen und dabei ein Kind, das mit dem Rücken zur Kamera steht. Dieses Kind ist Juli.

Sie hat einfach keine Lust, fotografiert zu werden. Dabei ist fotografiert werden ja gar nicht schlimm, oder? Julis Schwestern machen eigentlich ständig Fotos von sich und empfinden es eher als Beleidigung, wenn man kein Bild von ihnen macht. Sie empfinden es auch als Beleidigung, wenn sie Bilder von sich auf Instagram teilen und ich sie nicht like. Für sie ist das, als ob mir die Bilder nicht gefielen, als ob ich sie absichtlich ignorierte, weil ich sie ablehne. Ich bemühe mich dann, immer mal wieder die Instagram-Profile aufzurufen – nicht dass meine Kinder mir irgendwann vorwerfen, nicht an ihrem Leben teilgenommen zu haben. Sie zeigen auch öfter Selfies auf ihren Smartphones herum. Wenn ich dann ein Bild anschaue und dabei gedankenverloren auf ihrem Smartphone-Display weiterwische, schimpfen sie: "Spinnst du, das sind MEINE Bilder!"

Mir kommt es so vor, als sei das vor der Digitalisierung unseres Lebens etwas einfacher gewesen. Mein Vater fotografierte nur zu bestimmten Anlässen, dann hatte er einen Film in seiner Kamera, und die machte leise Klick. Erst nach einigen Wochen bekam man die Bilder zu sehen – und die waren eben so, wie sie waren. Es hat uns Kinder nicht sonderlich gekümmert. Es gab auch nicht MEINE Bilder, und ich hätte von meinem Vater nicht verlangt, dass er bestimmte Bilder besonders preist. Fotografiert werden war nicht so ein Riesending.

Ich habe Juli gefragt, was das Problem sei. Sie sagte: "Bei Fotos muss man immer so ein Gesicht machen." Ich glaube, sie meint: lächeln. Obwohl es gerade gar nichts zu lachen gibt. Ich ahne, die Kamera bedeutet für Juli, andere bemächtigen sich ihrer. Dass sie sich unterwerfen soll, wenn auch nur für einen Augenblick, dass sie anders sein soll. Dass sie also so, wie sie gerade ist, nicht okay ist. Im freudschen Sinne blickt ihr also durch das Kameraauge ein großes Über-Ich entgegen. Die Welt, an die sie sich einst wird anpassen müssen. Ich habe das Gefühl, dass meine Tochter sich entschlossen hat, sich diesen Kräften zu widersetzen, solange es nur irgendwie geht. Und weiterhin fürchte ich, dies könnte dazu führen, dass das Heranwachsen meines Kindes fotografisch schlecht dokumentiert wird. Aber zum Glück gibt es ja nicht nur uns Eltern, sondern auch Menschen, die Fotografie professionell betreiben. Zum Beispiel der Schulfotograf. Der kam in Julis Schule, um von allen Erstklässlern nette Porträts zu machen. Meine Frau hatte unserer Tochter ein niedliches Kleid angezogen, damit wir wenigstens ein hübsches Foto des Kindes haben würden. Als Juli nach der Schule nach Hause kam, fragten wir sie, wie es denn so gewesen sei, von einem echten Fotografen fotografiert zu werden. Juli schaute uns verwundert an. "Ich habe mich von dem nicht fotografieren lassen", sagte sie: "Der wollte schon wieder, dass ich so ein Gesicht mache ..."

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