Harald Martenstein: Über die vom Verschwinden bedrohte Tugend der Duldsamkeit und den angemessenen Umgang mit "Mikroaggressionen"

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 47/2019

Eine katholische Zeitung hat mir einen Fragebogen vorgelegt. Sie wollten wissen, was ich tun würde, wenn ich einen Tag Papst wäre. Das war einfach: "Zölibat abschaffen, Priesteramt für Frauen." Sie fragten, was ich am liebsten rieche. Diese Antwort lautete: "Neugeborene Babys, Rosen und Grappa, nicht gleichzeitig, sondern nacheinander." Die schwierigste Frage hieß: "An was glauben Sie?" Ich glaube, dass wir vieles über das Universum noch nicht wissen, insofern ist Gott möglich.

Leider fragten sie nicht nach der Lieblingstugend. Das wäre Duldsamkeit. Es gibt auch andere wichtige Tugenden, klar, aber die Duldsamkeit ist vom Verschwinden bedroht, sie ist der Regenwald unter den Tugenden. Duldsamkeit bedeutet zum Beispiel, dass man auch mal eine Kränkung hinnimmt, ohne zurückzuschlagen oder sich aufzuregen. Mir fällt das keineswegs leicht. Tugenden sind nun mal schwierig. Die wichtigste Voraussetzung für Duldsamkeit ist das Wissen um die eigene Fehlbarkeit. Wenn ich selber Fehler mache, wie kann ich mich dann über Fehler von anderen maßlos aufregen? Duldsamkeit bedeutet nicht, dass man sich alles gefallen lässt. Die Reaktion darf nur nicht maßlos sein. Kleinigkeiten sollte man wegstecken.

In den letzten Jahren hat der Begriff "Mikroaggression" Karriere gemacht. Das sind kleinste Kränkungen "marginalisierter Gruppen". Eigentlich alle Gruppen gelten heute als marginalisiert, außer weißen Männern. Mikroaggressionen sind den Aggressoren meist gar nicht bewusst, sie sind oft nett gemeint. Auf Forbes.com beschreibt eine Frau namens Pragya Agarwa, was sie wütend macht. Wenn sie erwähnt, dass sie aus Indien stammt, antworten Leute: "I love Indian food." Schlimmes Klischee. Das kenne ich auch. Wenn ich in den USA sage, woher ich komme, höre ich Mikroaggressionen wie "German beer – wunderbar!" Auf Wikipedia wird als Beispiel eine Lehrerin genannt, die einem Jugendlichen namens Muhamad freundlich rät, über eine Namensänderung nachzudenken, mit dem Namen könne er später, etwa bei Bewerbungen, Probleme kriegen.

Zweifellos war das ein blöder Rat und ärgerlich für Muhamad. Ich hätte an seiner Stelle geantwortet: "Das ist nun mal mein Name. Falls er Probleme macht, dann sollte man die Probleme aus der Welt schaffen und nicht den Namen, oder?" Fertig. Eine "Aggression" ist das nicht. Wenn jemand aus Gedankenlosigkeit mit guten Absichten einen Fehler macht, verhält diese Person sich falsch, aber nicht aggressiv. Eine Welt, in der es Fehler dieser Art nicht mehr gibt, trüge den Namen "Paradies". Die Mikroaggressionsjäger sorgen dafür, dass es immer schwieriger wird, miteinander zu reden. Ohne ein gewisses Maß an Duldsamkeit kann eine Gesellschaft nicht funktionieren.

Als ich mit einem Freund darüber diskutierte, landeten wir bei der mikroaggressiven Frage Nummer eins: "Wo kommen Sie her?" Diese Frage ist ärgerlich, wenn man in Krefeld geboren wurde und anders aussieht als die meisten Krefelder. Die Frage, sagte der Freund, signalisiere aber Interesse an der anderen Person und Neugier, Ersteres sei nett, Letzteres eine unausrottbare menschliche Eigenschaft. Auch ich werde manchmal gefragt, woher ich stamme, weil man an meinem Tonfall merkt, dass ich kein natural born Berliner bin.

Worüber ärgere ich mich? Natürlich darüber, dass ich als "alter weißer Mann" eingeordnet werde. Ich bin viel mehr als nur das! Aber ich will es aus Duldsamkeit hinnehmen. Ich werde sagen: "Ich bin nun mal weiß. Wenn ihr damit ein Problem habt, müsst ihr Blackfacing erlauben."

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Warum nur der Ärger über den "alten weißen Mann", der wir beide doch sind - bei aller Duldsamkeit, lieber Kolumnist?! Schauen Sie, Papst hätten Sie gar nicht werden können ohne die Attribute "alt" (bitte, erst ab 40 ... senectus, senectus!) und "Mann" (die Päpstin ist ein a) Mißverständnis, b) Erfindung, c) ideologisches Programm - alles drei zusammen, nacheinander, versteht sich). Nur bei "weiß" war man in der Vergangenheit nicht sonderlich wählerisch - es gab auch nordafrikanische Kirchenväter, syrische Imperatoren und schwarze Kardinäle (schon zur Medici-Zeit). Die Tugend der Duldsamkeit jedoch haben Sie als Papst sofort mitgeerbt. Wie heißt seit der Reformkirche des späten 11. Jh. die offizielle Titulatur des Apostolicus?! "Humilis servus servorum Dei" - demütiger Diener der Diener Gottes. Duldsamkeit ist eine Zier der beanspruchten Selbstüberhöhung ...