© Alexander Gehring

Kochen für Kinder: "Nilda ist die beste Köchin der Welt"

Wie schafft sie es nur, dass die Kinder bei ihr eifrig Gemüse essen? Wer von der Berliner Kita-Köchin Nilda Bezerra bekocht wird, ist danach verloren für Kinderteller. Von
ZEITmagazin Nr. 47/2019

Meine erste Begegnung mit Nilda Bezerra ist mir im Rückblick peinlich. Es ist jetzt sieben Jahre her, sie stand in der Küche des Kinderladens, die braunen Locken von einem Haarband zurückgehalten, die Lippen rot geschminkt wie immer, und schnitt saftiges Mangofleisch in Würfel für die Nachspeise. Meine damals zweijährige Tochter Fiona war erst seit wenigen Tagen bei den Wild Poppies in Berlin-Kreuzberg und ich zur Eingewöhnung mit dabei. An diesem Tag sollte Fiona zum ersten Mal in der Kita essen. Die Erzieherinnen hatten mir schon viel von der Köchin Nilda erzählt: "Sie verwöhnt uns sehr", sagte eine von ihnen.

Fiona setzte sich mit vier anderen Kindern an den gedeckten Tisch in der Küche. Nilda, die alle in der Kita nur beim Vornamen nennen, stellte zunächst die Vorspeise auf den Tisch, einen Rohkostteller mit allerlei Gemüse, darunter Paprika und Kohlrabi. Ich setzte mich dazu und sagte: "Ich glaube nicht, dass Fiona das essen wird."

Nilda erinnert mich an diesen Satz, als ich nun – um einige Erfahrungen reicher – wieder in ihrer Küche sitze, um mit ihr über das Geheimnis guten Kinderessens zu reden. Erste Regel: Essen nicht stigmatisieren. "Wir Erwachsenen haben einen großen Einfluss. Als Mutter sagt man in so einer Situation am besten gar nichts, anstatt das Kind in seiner Abneigung zu bestärken", sagt sie. Meine Tochter aß damals übrigens eifrig mit – auch das hat Nilda nicht vergessen.

Meine Tochter geht längst in die Schule, mein Sohn seit August auch. Weil sie Nildas gutes Mittagessen gewohnt sind, essen sie in der Schulmensa nur wenig – mal sind ihnen die Speisen zu salzig, mal zu geschmacklos, meist zu verkocht. Umso wichtiger ist es, dass wir zu Hause kochen. Noch immer hören wir dann oft von ihnen: Das schmeckt nicht so gut wie bei Nilda. Und wenn ich versuche, Nildas Gerichte nachzukochen, heißt es: "Du kannst das nicht so gut wie sie. Nilda ist die beste Köchin der Welt."

Unter all den Tipps, die Experten Eltern in Sachen Essen geben, haben wir vor allem einen immer befolgt: gemeinsam zu Abend zu essen. Denn Essen ist ja mehr als nur Nahrungsaufnahme, man sitzt zusammen, erzählt sich, wie der Tag so gelaufen ist – das gemeinsame Essen als Kitt, der die Familie zusammenhält. So zumindest das Ideal. Denn leider gilt der Grundsatz, dass Essen mehr als Nahrungsaufnahme ist, auch andersrum: Kinder benutzen es, um eigene Interessen durchzusetzen. Wer sich weigert, die Gurke auf seinem Teller zu essen, bekommt garantiert die Aufmerksamkeit der Eltern. Und für uns ist Essen oft mit Stress verbunden: Wenn wir von der Arbeit kommen, Hausaufgaben mit den Kindern erledigen und nebenbei am Herd etwas kochen müssen, das allen schmeckt, ist es mit der Harmonie spätestens dann vorbei, wenn dieses Essen verschmäht wird.

So wie leider oft bei uns. Sobald wir von den Top Ten der Kindergerichte abwichen (Nudeln, Pizza, Fischstäbchen, Pommes, Rahmspinat, Kartoffelpüree, Ei, Fleischbällchen, Pfannkuchen, Würstchen), beschwerten sich die Kinder. Mein Mann und ich wollten aber auch mal was anderes essen – und wir finden, dass die Kinder sich unserem Geschmack zumindest annähern sollten.

Neulich habe ich mit den Kindern ein Essensmagazin durchgeblättert, sie sollten sich selbst Gerichte aussuchen. Unter den gut drei Dutzend Rezepten für Familien fand jedes meiner Kinder zumindest zwei oder drei, die wir dann zusammen kochten. Nur leider mochte meine Tochter die Tomatensuppe nicht, die mein Sohn ausgesucht hatte. Und er lehnte die Wraps mit Gemüse ab, die sie wollte.

Am besten funktionieren bei uns Gerichte, die ich so genau wie möglich nach Nildas Vorgaben nachkoche: etwa ihr Hirseauflauf, ihre Spinatlasagne und ihr Tofu mit Gemüse in einer Kokos-Curry-Soße und Reis. Dass die Kinder das gerne essen, liegt natürlich daran, dass sie es bereits kennen. Es liegt aber vor allem daran, dass Nilda viele Jahre Erfahrung hat. Was also ist das Geheimnis der besten Köchin der Welt? Was lässt sich bei ihr lernen und abgucken?

Der deutsch-englische Kinderladen Wild Poppies liegt in einer ruhigen Seitenstraße. In den drei großen Erdgeschossräumen eines Altbaus spielen 15 Kinder zwischen einem und sechs Jahren. Nilda versorgt noch eine benachbarte Kita mit Essen, jede Mahlzeit muss für 40 Personen reichen. Es gibt nur vegetarische Gerichte, mit Ausnahme von Fischstäbchen. Das war schon so, als Nilda hier anfing. Zwei der Erzieherinnen und Nilda selbst sind Vegetarierinnen. "Ich würde den Kindern aber niemals ausreden, Fleisch zu essen", sagt sie.

Es ist neun Uhr, Nilda war schon einkaufen, im Bio-Supermarkt, und steht jetzt am Herd. Die 55-Jährige trägt an diesem Morgen eine tiefrote Schürze, die sie von einem Urlaub in ihrem Heimatland Brasilien mitgebracht hat. Sie lebt seit 1991 in Berlin, ihr Deutsch hat einen weichen portugiesischen Akzent. Mein siebenjähriger Sohn Lucien ist heute mitgekommen, er hat Ferien. Die beiden umarmen sich zur Begrüßung. Wer einem mittags den hungrigen Magen füllt, zu dem hat man eine besondere Beziehung. Nilda weiß von jedem Kind, was es gerne mag und was nicht. Sie ist Teil des Kinderladens, wie die Erzieherinnen auch, die Kinder respektieren sie. Sicher essen sie auch deshalb bei ihr eher Gerichte, über die sie bei den Eltern mäkeln. Was Nilda heute kocht, ist dafür ein guter Test, wie mir beim Blick in ihren Kochtopf klar wird. Sie schwitzt gerade Süßkartoffeln an für das Gemüse in Tomatensoße, das es zu gebackenen Polentaschnitten geben wird. Süßkartoffeln mag mein Sohn nicht, wie er erst am Vorabend erklärt hat. Da kochte mein Mann ein neues Gericht, das Kinder angeblich lieben – zumindest nach Aussage des britischen Fernsehkochs und fünffachen Vaters Jamie Oliver, von dem es stammt: Ofengemüse mit Halloumi, das mit etwas Pesto verfeinert wird. Zumindest was Lucien angeht, liegt Oliver falsch: Ihm waren die Süßkartoffeln "zu süß und zu weich". Ob er sie heute in Nildas Soße essen wird?

Was mir an Nilda auffällt, ist die Gelassenheit, die sie in der Küche ausstrahlt. Sie hat einen genauen Plan, was sie wann zu erledigen hat. Wenn sie Zutaten schneiden muss, tut sie das zügig, aber nicht hektisch, Unruhe kommt bei ihr selten auf. Bei ihr sieht Kochen aus wie etwas, das Freude macht. Bei mir ist das sicher nicht immer so.

Kommentare

38 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Bei mir das gleiche, ich bin mit würzigen Gouda, Spinat (Mit einer Dose Saure Sahne beim 450gr. Block) und gesalzene Erdnüsse aufgewachsen und verschmähte Schokolade und gerne auch mal Fleisch.