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Sascha Lobo: "Jemand schrieb, er werde Blutpolka mit mir tanzen"

Der Autor fand ein Mittel, um weniger an Hass und Empörung im Netz zu leiden Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 47/2019

ZEITmagazin: Herr Lobo, 2010 veröffentlichten Sie Ihren Roman Strohfeuer, in dem Sie Ihr Alter Ego als Großmaul und Labertasche beschreiben. Ist das Buch autobiografisch?

Sascha Lobo: Nicht zu 100 Prozent, hoffe ich. Ich habe in den letzten zehn Jahren meine introvertierte Seite wiederentdeckt.

ZEITmagazin: Man kennt den Vorgang sonst eher umgekehrt: dass ein Stiller seine Schüchternheit ablegt und laut wird.

Lobo: Bei mir ist es zum Teil genau anders herum. Ich bin mein erwachsenes Leben lang davon ausgegangen, der extrovertierte Typ zu sein, bis es in verschiedenen Situationen zu sanften Erschütterungen kam. Eine davon war vor sieben Jahren, als ich meiner Frau zum Vorwurf machte, dass ich kaum mehr ausgehe – irgendwie dachte ich, es liege an ihr. Wir haben dann darüber geredet und festgestellt, dass ich mein geändertes Ausgehverhalten nicht ihr anlasten konnte, sie zwang mich zu überhaupt nichts. Ich blieb offensichtlich neuerdings einfach lieber zu Hause. Die zweite Situation war, als mir meine Mutter sagte: "Du warst ja als Kind immer so introvertiert!" Meine erste Reaktion war: Wie bitte? Aber als ich dann darüber nachdachte und Erinnerungen zurückkamen, ging mir auf: Es ist wahr. Kürzlich hat mir die Autorin Samira El Ouassil von der Existenz der ambiverts erzählt. Also Leuten, die gleichzeitig intro- und extrovertiert sind. Ich glaube, dazu zähle ich.

ZEITmagazin: Bei einem introvertierten Menschen denkt man, der sucht nicht die Öffentlichkeit. Sie hingegen sind jemand, der sein öffentliches Ich wie ein Markenzeichen inszeniert. Der Irokesenschnitt als Wiedererkennungsmerkmal – daran halten Sie erstaunlich lange fest.

Lobo: Ich finde da gar nichts erstaunlich lange.

ZEITmagazin: Andere Firmen überarbeiten ihr Corporate Design nach einer gewissen Zeit.

Lobo: Es wäre natürlich Unfug, den Eindruck von Selbstmarketing rundweg zu bestreiten, schließlich wird das von außen so wahrgenommen. Es fühlt sich für mich aber nicht ausschließlich so an. Es hat auch als eine Form von Schutz begonnen. Ich komme aus dem Internet, einem Raum, in dem viel mit Hass gearbeitet wird. Mit großen Empörungsstürmen, die man erst mal lernen muss auszuhalten. Das ist die Öffentlichkeit, aus der ich meine mediale Persona geschöpft habe, die Bühne, auf der ich zuerst nach außen getreten bin. Viele Elemente, die man in einer klassischen Medienlandschaft als Selbstinszenierung betrachtet, wirken im Netz eigentlich als Schutzvorrichtungen, zumindest anfangs.

ZEITmagazin: Inwiefern schützt ein Irokesenschnitt?

Lobo: Er erschafft eine plakative Figur, von der ich mich distanzieren kann, wenn sie attackiert wird. Ich kann immer denken: Die greifen nicht mich an, sondern das Symbol, das ich im Internet bin. Früher trug ich auch immer Bart und Anzug. Wenn es dann zu einer Attacke kam, sagte ich mir: Ja klar, ich bin visuell mit einer gewissen Lächerlichkeit versehen, ist doch klar, dass mich ein paar Leute attackieren. Einen emotional bewältigbaren Grund zu haben, warum Leute das tun, ist pures Gold.

ZEITmagazin: Woher kamen die Attacken?

Lobo: In der Frühphase der heutigen sozialen Medien, noch vor Facebook und Twitter, waren Blogs die prägenden Kanäle. Dort habe ich meine ersten massenhaften Hassattacken erlebt, Anfang 2007 auch die erste Gewaltandrohung wegen meines damaligen Buchs. Jemand schrieb, er werde Blutpolka mit mir tanzen, ohne auch nur zu erklären, was ihm nicht passte. Allerdings hatte ich schon zuvor eine Art Feuertaufe der heftigen Ablehnung durchlaufen, nämlich im Forum "Höfliche Paparazzi".

ZEITmagazin: Für das Forum schrieben viele heute bekannte Autoren wie Wolfgang Herrndorf oder Kathrin Passig, die Texte kritisierte man gegenseitig. Wie war das?

Lobo: Die Kritik war allgemein streng, aber ich war in der ersten Zeit ein spezieller Hasskandidat. Da waren viele Leute, die noch nicht den Erfolg hatten, den sie sich selbst natürlich längst zugesprochen hätten. Wolfgang Herrndorf hatte gerade seinen ersten Roman untergebracht. Tex Rubinowitz war dabei, am Anfang auch noch Max Goldt. Ich war der Idiot, von dem man sich fragte, warum er dabeibleibt, obwohl er beschimpft wird.

ZEITmagazin: Warum wurden Sie beschimpft? Neigten Sie zur Großspurigkeit?

Lobo: Das ist schwer zu verneinen. Da waren viele brillante Leute, die ritualhaft so taten, als seien ihre Texte höchstens mittelmäßig oder nebenbei rausgeschleudert. Diese falsche Bescheidenheit hat mich genervt, dagegen habe ich gestänkert. Gleichzeitig war ich zum ersten Mal in einem intellektuellen Zirkel, in dem meine Taschenspielertricks nicht mehr funktionierten. Einem Kreis, in dem alle sagten: Für uns ist Sprache das zentrale Mittel zur Bewältigung der Welt. Die auch präzise sahen, wo die Schwächen von Texten lagen. Trotz der Ablehnung wusste ich: Da gehörst du hin. Ich habe viel über das Schreiben gelernt, aber auch über Online-Communitys, über Ablehnung und darüber, wie man damit umgeht. Das war das Nichtschwimmerbecken, bevor ich in die sozialen Medien gegangen bin.

Kommentare

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Sehr ich genauso. Das er sich in dieser Gruppe durchgebissen hat finde ich auch Beachtenswert.. möglicherweise könnte er auf eine Schneideseite davon glücklich sein, da er von wahrscheinlich ebenso nicht-unbedingt-dummen zwischen der anti-tröterei auch ehrliche, schonungslose inhaltliche Kritik zu seiner Denke bekommen hat. Das ist eine Quelle die mMn gar nicht Mal so oft vorkommt wie man meint. Das die in der Gruppe jedoch irgendwelche besonderen Texte raushauen als wäre es nichts könnte mMn eine Art Angeberei sein oder aber auch das Wissen darum das ohne Aufmerksamkeit diese Texte letztendlich nichts bewirken und diese selbst den flash ja schon davor hatten. Oder sie wollten eben nicht groß beeinflussen.. wie jetzt was genau verteilt und vorhanden war kann ich wahrscheinlich kaum einer sagen.

Der Mann ist nicht auf den Kopf gefallen ..... gefällt mir ..... ein Mahner in Sachen .... Digitalisierungsangsg in Dt

Warum so kurz?

Ich will mehr wissen und lesen. Ich würde nicht sagen, dass ich ein Fan von Sascha bin, und ich habe nicht alles von ihm gelesen oder so. Doch wenn er wieder mal einen seiner treffenden Kommentare veröffentlichen lässt, bin ich immer sehr interessiert daran.