Wynton Marsalis: "Von dem Traum beflügelt, habe ich nach dem Aufwachen gleich ein Stück komponiert"

© Ossi Piispanen
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 47/2019

Ich träumte mal vom Haus meines Großonkels und meiner Großtante in New Orleans. Sie sind beide nicht mehr am Leben, aber ich wohnte ein Jahr lang bei ihnen, als ich fünf war. Mein Großonkel fertigte Grabsteine an. Sie lebten in einfachen Verhältnissen, in ihrem Haus gab es nicht mal warmes Wasser.

In diesem Traum war ich also wieder zurück in dem Haus. Es ist ein lauter Traum, er beginnt mit dem Bellen von Hunden. Ich muss dazu erklären, dass das Haus in einer wilden Gegend lag, in der man nachts regelmäßig Schüsse und solche Sachen hörte. Auf den Straßen in der Umgebung geschahen ständig irgendwelche wilden Dinge, und es war einfach immer laut. Aber in diesem Traum hörte ich auf einmal einen Chor singen: "Won’t you come by, Lord". In diesen Gesang stimmte dann meine Großtante ein, die im wahren Leben niemals gesungen hat, sie summte immer nur, etwa Spirituals. Von dem Traum beflügelt, habe ich nach dem Aufwachen gleich ein Stück komponiert.

New Orleans, wo ich aufgewachsen bin, ist ein mythischer Ort, an dem viele verschiedene Glaubensrichtungen und Kulturen zusammenkommen: weiße Menschen, schwarze Menschen, überhaupt Menschen aus aller Welt. New Orleans war aber auch ein Ort der Rassentrennung, so habe ich ihn zumindest oft erlebt. Und er ist das nach wie vor. Es dominiert diese Südstaaten-Ignoranz, die immer schon da war. Und trotzdem ist New Orleans auch ein lyrischer, poetischer Ort, voll mit kreativen Menschen.

Mein Vater ist Musiker und Musiklehrer, er ist bis heute aktiv. Meine Mutter ist Sozialarbeiterin. Also wurde zu Hause Musik schon immer mit einem sozialen Bewusstsein verbunden. Meine Eltern hatten ihre eigenen Träume, die sie sich erfüllen wollten. Ein Traum meines Vaters war es immer gewesen, nach New York zu gehen, um dort Musik wie die von Charlie Parker zu spielen. Meine Mutter träumte von sozialer Gerechtigkeit. Sie reagierte empfindlich auf jede Form von Vorurteilen und Ignoranz und engagierte sich, wo immer es möglich war, für die Rechte und die Würde von Afroamerikanern.

Ich habe diese beiden Träume meiner Eltern zu meinem Traum gemacht. Mein Vater hat allerdings stets darauf geachtet, dass ich nicht abhebe. Er ist ein sehr anständiger, vernünftiger Mann. Nachdem ich als 22-Jähriger je einen Grammy in der Jazz- und in der Klassiksparte gewonnen hatte, gab sich mein Vater nicht weiter beeindruckt. Er hielt die ganze Veranstaltung nämlich für einen Zirkus. Nach der Verleihung war ich mit ihm und meiner Mutter im Hotel, und wir waren gerade dabei, uns für die After-Show-Party zurechtzumachen. Da nahm er mich beiseite, schaute mich streng an und sagte: "Ich freue mich, dass du gewonnen hast – aber du denkst deswegen jetzt hoffentlich nicht, dass du auch wirklich spielen kannst, oder?" Dafür, dass er mich so in der Realität verankert hat, bin ich ihm bis heute dankbar.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Leider nur ein "kleiner" Artikel über einen "großen" Musiker, aber immerhin liest man mal so einen Namen zwischen all den Alltagsartikeln.
Wynton ist für mich ein fester Bestandteil meines Musiksammlung, aber ich gestehe dass ich persönlich seinen Bruder Branford noch mehr feier. Tolle Musikerfamilie, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass Charlie Parker, Coltrane, ... bis heute in der Musik lebendig bleiben und mittlerweile tragen beide dazu bei dies an die nächste Generation weiter zu geben.