© Moritz Wienert

Alltag: Notizen aus dem Alltag

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ZEITmagazin Nr. 48/2019

1.

Das Fahrrad der Frau, die ihren kleinen Sohn auf dem Kindersitz transportierte, hatte hinten einen leichten Platten, und die Mühe, mit der sie in die Pedale trat, schien das ganze Gewicht ihrer Mutterschaft zu symbolisieren.

2.

Plötzlich der Geruch von Teer auf der Straße. Es musste eine Baustelle in der Nähe sein.

3.

"Immer, wenn wir uns im Auto an einer Ampel geküsst haben, hast du mit einem Auge schon danach geschielt, ob es grün wird." (Vorwurf nach der Trennung)

4.

Der riesige Abdruck der Zähne am Butterbrot, wenn der Vater hineingebissen hatte.

5.

Auf einem Rundgang durch ein Bundesliga-Stadion unter der Woche: die Verwunderung darüber, dass die Stadionuhr geht – als dürfte sie nur am Spieltag, in den Stunden rund um die Partie, funktionieren.

6.

Ihre iPhones hatten an der gleichen Stelle einen Sprung.

7.

Der Mörder beseitigte die Spuren seiner Tat so ungerührt wie ein Friseur, der das am Boden liegende Haar zusammenkehrt, nachdem der Kunde das Geschäft verlassen hat.

8.

Das ältere Ehepaar im Zug, das offenbar zu einer großen Urlaubsreise aufbricht: Der Mann hievt nach dem Einsteigen einen riesigen Koffer auf die Gepäckablage, dem man ansieht, dass er trotz seines Alters selten in Gebrauch ist. Auf der Fahrt behalten die beiden ihre rot-schwarzen Outdoorjacken an; fast bewegungslos sitzen sie da, die Arme verschränkt, so als hätten sie Angst davor, dass ihnen eine falsche Bewegung unterlaufen könnte. Inmitten der Rollkofferexistenzen und Flexibilitätsvirtuosen ist diese Zugreise für sie ein beschwerliches Aufbrechen; sie wirken in der Enge des Großraumabteils wie verpflanzt aus dem heimischen Wohnzimmer.

9.

Ein Klassentreffen zum 70. Jubiläum des Abiturs: Von der Gemeinschaft der Schüler sind nur noch drei am Leben, und zwar genau diejenigen, die damals die größten Außenseiter waren und von allen Mitschülern gehänselt wurden. Ihr bloßes Überleben eine späte Rache an den längst verstorbenen Angebern, Klassenclowns und unbehelligten Mitläufern.

10.

Das Flugzeug war am Gate angelangt, und von draußen kam nach einer Weile das bekannte Klopfzeichen eines Mitarbeiters, dass die Ausstiegstreppe montiert sei. Die Stewardess bewegte die schwere Tür, und als sie sich schließlich öffnete, sahen sich die beiden einen Moment lang prüfend an wie die Kandidaten einer Blind-Dating-Show, wenn der Vorhang aufgeht.

11.

Der Schlüsselbund, den das Mädchen im Sandkasten umhertrug, hatte seine Funktion vollständig verloren. In den Händen des Kleinkindes verwandelte sich alles in Spielzeug.

12.

Die umgestürzten Denkmäler nach dem Putsch: In den Gesichtszügen und Gesten der alten Staatengründer hat sich jene Souveränität bewahrt, die ihnen bei der Modellierung eingeprägt wurde. Doch die riesenhaften Körper liegen auf dem Boden und sind bedeckt von Kinderfüßen, die auf ihnen tanzen und spielen. Eigentümliche Verbindung von Würde und Demütigung.

13.

Als er im Park in einen kleinen Nebenweg einbog, stieß er auf einen Rummelplatz. Diese Plötzlichkeit – dass sich da auf einmal, ohne jede Ankündigung, ein Karussell drehte und Leute an Autoskootern und Schießbuden standen – hatte etwas Unwirkliches. Alle üblichen Vorzeichen waren außer Kraft gesetzt: kein Kindergeschrei und keine stampfende Fahrgeschäfts-Musik, kein Duft von gebrannten Mandeln und keine achtlos auf die Straße geworfenen Losnieten. Im ersten Moment hielt er die Buden für eine Filmkulisse.

14.

Die beiden Labradore in der Villa lagen so formvollendet vor dem Couchtisch, als wären sie Teil einer Choreografie.

15.

Der Vater in seinen späten Vierzigern, die Mutter ein wenig jünger, die beiden Kinder im Grundschulalter – wie es dort im Park entlangging, wirkte das Ensemble wie die vollendete Umsetzung eines Vorhabens, wie musterhaft eingelöste "Familienplanung".

16.

Das lange Zeit unbenutzte Teesieb, in dem sich noch die Blätter des letzten Aufgusses befanden, klang beim Schütteln wie ein Rhythmusinstrument.

17.

Und dann, eines Abends, waren es plötzlich die zwei Kontaktlinsen-Behälter auf der Ablage über dem Waschbecken, die ihr die ganze Trostlosigkeit ihrer Beziehung verdeutlichten. Sie hatten beide seit Jahren die Gewohnheit (sie wusste gar nicht mehr, wer sie von wem übernommen hatte), die leeren Behälter morgens, nach dem Einsetzen der Linsen, mit der offenen Seite nach unten auf das Porzellan zu legen, die kleinen runden Deckel darüber. Jetzt fiel ihr Blick auf die beiden Schalen, die eine rot-weiß, die andere blau-weiß, und von einem Moment auf den anderen erschienen sie ihr als Embleme ihrer lähmenden Gemeinschaft.

18.

Im Radio hinten in der Küche der Imbissbude lief ein Classic-Rock-Sender, und jedes Mal, wenn der Refrain eines Songs erklang, begann die Bedienung vorne leise mitzusummen.

19.

Als der Zug München erreichte, passierte er die vertraute Abfolge von Orten: den S-Bahnhof Laim, die Betonpfeiler der Donnersbergerbrücke, die schmiedeeisernen Bögen der Hackerbrücke. Vielleicht war es das, was die Heimatstadt ausmachte, die er nur noch selten besuchte: dass die Annäherung gestaffelt ablief, als ein Durchlaufen von Punkten, die seine Vorfreude immer größer werden ließen. Die späteren Wohnorte dagegen zeigten sich beim Ankommen auch nach vielen Jahren nur als einförmiges Ganzes.

20.

Der Geruch des hart gewordenen Kantens Schwarzbrot: Er roch nicht mehr nach einer speziellen Sorte oder einem besonderen Korn, sondern nach "Brot" schlechthin.

21.

Einer, der davon erzählt, wie er einmal während einer Busreise vergessen worden ist. Nach der kurzen Rast auf einem Parkplatz waren bereits alle Mitglieder der Reisegruppe wieder eingestiegen, als er noch in der Warteschlange vor der Toilette stand. Heiter erzählt er die Geschichte, wie es im Bus keinem auffiel, dass er nicht an seinem Platz saß; wie die Reisegesellschaft schließlich nach ein paar Stunden zu Hause ankam und erst seine Frau, die ihn abholen wollte, sein Fehlen bemerkte. Er gibt diese Episode wie ein besonders amüsantes Kapitel seines Lebens zum Besten, und keine Regung ist an ihm erkennbar, die darüber Auskunft geben würde, wie es ist, nach einer mehrtägigen Reise von keinem Einzigen aus der vielköpfigen Gruppe vermisst worden zu sein.

22.

Wahrzeichen der Theorie: Als er in einem Text von Freud tatsächlich zum ersten Mal das Wort "Ödipuskomplex" las (und später dann die Wendung "survival of the fittest" bei Darwin), fühlte er sich ein wenig wie beim Anblick des Empire State Building auf der ersten Reise nach New York. Zum ersten Mal stand er direkt vor diesen berühmten Monumenten, die er aus sekundären Quellen allzu gut kannte, und es dauerte eine Weile, bis er die vorgeprägten Eindrücke abschütteln und einen halbwegs unverstellten Blick auf das vor ihm Stehende werfen konnte. Jetzt, als Element einer Umgebung, entfaltete die tausendfach abgebildete Stelle sofort eine andere Räumlichkeit; aus dem Emblem wurde der fließende Bestandteil eines Kontextes.

23.

"Alles, was er schuf, war zuletzt eingeschoben: doch zwischen was?" (Roland Barthes)

24.

Aus Langeweile eine gute Tat begehen.

25.

Er war angekommen in der fremden Großstadt, als er zum ersten Mal mit anderen Passagieren einer U-Bahn hinterherrennen musste.

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