Benigna Munsi: "Ich freue mich auf all die Orte, die ich als Christkind besuchen darf"

© Michael Ullrich
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 48/2019

Eine Märchenstunde, ich bin drei Jahre alt. Der Raum ist voller Kleinkinder, es ist laut und wuselig. Doch als das Christkind den Raum betritt, sind alle Kinder schlagartig still, überall offene Münder und strahlende Augen.

Zehn Jahre später, ich bin 13 und singe im Chor. Wir treten in einem Seniorenheim auf, singen Adventslieder. Dann kommt das Christkind. Die alten Menschen lächeln, erzählen von den Weihnachtsfesten ihrer Kindheit, von ihren liebsten Geschenken. Ihre Gesichter leuchten vor Freude.

Diese beiden Begegnungen mit dem Christkind haben mich sehr berührt. Deshalb war es mein Traum, selbst einmal das Christkind spielen zu dürfen.

Ich freue mich auf all die Orte, die ich als Christkind besuchen darf: Kindergärten, Altenheime, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, Kinderkrankenhäuser. Und auf die vielen unterschiedlichen Menschen, die ich treffen werde, auf Orte, Schicksale und Sichtweisen, die ich sonst wohl nie kennengelernt hätte. Und deshalb freue ich mich auch ganz besonders auf die Obdachlosenweihnacht am 24. Dezember – mein letzter Termin als Christkind in diesem Jahr. Danach werde ich wohl ziemlich erschöpft sein und einen Teil von Weihnachten verschlafen.

Aber das ist es mir wert. Ich denke, ich werde an der Aufgabe wachsen. Dieser Prozess hat schon begonnen. Seit den Anfeindungen im Internet nach meiner Wahl gab es ein großes Echo in den Medien und die schöne Erfahrung, dass mich so viele Menschen unterstützen.

Persönlich hatte ich bis dahin keinen Rassismus und keine Diskriminierung erlebt. Meine Mama hatte mir allerdings schon früher gesagt, dass es dumme Menschen geben kann, die mich wegen meines Aussehens ablehnen – weil sie unzufrieden mit ihrem Leben sind oder schlecht erzogen wurden. Darauf war ich also eingestellt. Und ich lasse mich nicht einschüchtern. Ich möchte diesen Menschen keine Macht über mich geben. Und ich träume davon, dass für meine Generation irgendwann Herkunft oder Aussehen keine Rolle mehr spielen werden und dass das Verbindende im Vordergrund stehen wird.

Andere Kulturen und Sichtweisen haben mich schon immer fasziniert. Ich bin ein Jahr lang in Brasilien zur Schule gegangen und habe dort Portugiesisch gelernt. Schon vorher hatte ich im Theater kleine Statistenrollen übernommen, mittlerweile bin ich Mitglied im Jugendclub des Nürnberger Staatstheaters und wurde für erste Sprechrollen ausgesucht. Ich träume davon, Schauspielerin zu werden. Die Welt durch andere Augen zu sehen, finde ich extrem spannend.

In meiner Kindheit hatte ich viele unterschiedliche Träume. Als kleines Mädchen wollte ich Prinzessin oder Fee werden – diesen Rollen komme ich als Christkind ja zumindest nahe. Eine Zeit lang habe ich auch darüber nachgedacht, zur Polizei zu gehen. Als Schauspielerin kann ich all diese Träume verwirklichen.

Nach dem Abitur nächstes Jahr werde ich mich an einer Schauspielschule bewerben. Falls es nicht gleich klappt, werde ich reisen, arbeiten – und mich im Jahr darauf wieder bewerben. Bis der Traum wahr wird.

Kommentare

61 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren