Chatsprache: "hi paps wmds? bb l"

© Aline Zalko
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Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 48/2019

Bei uns zu Hause tobt ein täglicher Kulturkampf um die Bildschirmzeit. Meine Frau und ich mahnen, wir appellieren, wir regulieren, wir nehmen das Smartphone aus der Hand. Dabei geht es eigentlich nur um eine bestimmte App: WhatsApp. Meine Tochter hängt die ganze Zeit in irgendwelchen Chats rum und albert mit ihren Mitschülern. Sie tauscht Sprachnachrichten aus, sie besorgt sich ihre Hausaufgaben über WhatsApp, und vielleicht macht sie ihre Hausaufgaben bei WhatsApp, wer weiß. Wenn ich etwas mit Lotta besprechen möchte, dann schreibe ich ihr auf WhatsApp, das ist allemal erfolgversprechender, als sie direkt in ihrem Zimmer anzusprechen. Leider mache ich mich dabei komplett lächerlich. Denn ich kann angeblich nicht schreiben.

Ich selbst würde allerdings schon von mir behaupten, ich könne schreiben. Immerhin verdiene ich mein Geld mit dem Schreiben. Aber in Lottas Augen schreibe ich wie ein Stümper. In meiner Welt schreibt man ausführlich, mit Anrede und Verabschiedung, mit "Liebe" und "Liebe Grüße" und so. Lotta empfindet das aber nicht als höflich, sondern als komplett bekloppt. Als würde ich versuchen, in Sütterlin zu tippen, und eine Briefmarke auf das Handydisplay kleben. Denn wenn Lotta mir eine WhatsApp-Nachricht schickt, dann liest sich das eher so: "hi paps wmds? bb l" Das kann man übersetzen mit: "Hallo, Papa, was machst du so? Bye-bye! Lotta".

Wenn ich Lottas Botschaften lese, packt mich manchmal der bürgerliche Groll. Schließlich ist es ja nicht so, dass der Speicherplatz auf so einen Smartphone allzu begrenzt wäre und man deswegen irgendwie mit den Buchstaben haushalten müsste. Ich denke, es ist einfach Faulheit und Zeitersparnis. Statt sich die Mühe zu machen, sich zum Beispiel bei jemandem ausführlich zu bedanken, dazu etwas zu formulieren, die richtige Grammatik zu nutzen und vielleicht sogar einen Ausdruck zu finden, der genau zum Anlass passt, schreibt man einfach: thx. Und damit soll alles gesagt sein. Das könnte ich noch schulterzuckend hinnehmen, weil die Jugend eben immer mehr verroht. Aber Lotta macht sich ja noch dazu lustig über mich. Sie tut so, als sei ich es, der hier ein Defizit hat. Weil ich eben so schreibe wie jemand, der in den Siebzigerjahren geboren ist.

Aber ich bin ja lernfähig, niemand, der nicht in der Lage wäre, mit der Zeit zu gehen. Ich bin bereit, alle Sprachkunst zur Hölle zu schicken, wenn es um Modernität geht. Ich habe mir von Lotta mal ein paar von den Kürzeln erklären lassen. Es ist nicht unkompliziert, denn ein einziger falscher Buchstabe macht hier viel aus. "hdgdl" heißt etwa "Hab dich ganz doll lieb". "hdm" hingegen steht für "Halt dein Maul!". Es geht auch um Fremdsprachliches, das man erst einmal erkennen muss: "ilyttmabam" ist die Abkürzung für "I love you to the moon and back and more". Das finde ich dann doch sehr beeindruckend. Ich hätte nicht gedacht, dass man mit so wenigen Buchstaben so viel aussagen kann.

Und ich muss zugegeben, dass es wirklich ein ausgeklügeltes Vokabular ist. Vielleicht ist es ja auch nichts anderes als eine Jugendsprache der Display-Welt. Codes, die eben jene nicht nutzen können, die nicht informiert genug sind, weil sie Eltern sind. Die nicht verstehen können, dass ein Buchstabe mehr sagen kann als tausend Worte. Aber versuchen kann man es ja. Ich schrieb Lotta "hddza?" und erhielt "?" als Antwort. "Hast Du Dein Zimmer aufgeräumt?", präzisierte ich. Die Antwort lautete so: "kb".

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