Hape Kerkeling: Über Lieblinge

© Isa Foltin/​Getty Images for GQ Germany
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 48/2019

Hape Kerkeling hat eine Lieblingsphilosophin: Hannah Arendt. Das ist schön. Erstens für Hape Kerkeling und zweitens für Hannah Arendt, wobei, die ist tot.

"Ich bereite mich auf das Schlimmste vor, ich hoffe das Beste, und ich nehm es, wie es kommt", so zitiert Kerkeling Arendt in seiner Rede bei den GQ Awards, nicht ohne vorher zu sagen, dass Arendt seine "Lieblingsphilosophin" sei.

Da stellt sich natürlich die Frage: Wie kommt man zu einer Lieblingsphilosophin? Ist es wie bei Fußballvereinen? Der große Bruder hatte schon einen TSV-1860er-Fahrradwimpel, folglich ist man selbst sein Leben lang dazu verdammt, einen Fußballverein zu feiern, der sich über die Bezeichnung "Fahrstuhlverein" freuen würde. Oder ist es eher wie bei der Lieblingsfarbe ("Äh, Blau!"), für die man sich ja nur entscheidet, weil andere Sechsjährige einen penetrant danach fragen?

Kerkeling hätte Arendt ja einfach nur gut finden können. Etwas gut zu finden ist einfach. Pasta Aglio Olio ist gut, kompostierbare Zigarettenfilter sind es auch, gegen öffentliche Verkehrsmittel ist wenig einzuwenden. Aber wie schafft es etwas oder jemand von der Bezeichnung "gut", vielleicht sogar "großartig", zu der Adelung "Lieblings-"? Wie viele Bücher muss man gelesen haben, um eine Lieblingsautorin zu haben? Wie viel klassische Musik hören, um sich für einen Barock-Favoriten zu entscheiden? Es braucht in der Gegenwart ja schon ziemlich viele Online-Dates, viele Meinungen von Freunden und viel Mut, um sich für einen Lieblingspartner zu entscheiden.

Vielleicht ist das, was das "Lieblings-" ausmacht, nicht nur die klare Bewertung, sondern der kleine Funken Magie: der eine Absatz, den man sich als 16-Jährige fett in einem Hesse-Roman angestrichen hat, weil man sich auf einmal, so aus dem Nichts, von einem Suhrkamp-Bändlein mit enger Schrift mehr verstanden fühlte als von den eigenen Eltern.

Vielleicht ist Kerkeling irgendwann einmal über dieses Zitat gestolpert, man solle die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Und seither hat es ihn nicht mehr losgelassen.

Wenn es so war, dann hat er sich wahrscheinlich auf eine nicht sehr verlässliche Quelle verlassen. Im Internet finden sich Zitatsammlungsseiten, die das Zitat so ähnlich Hannah Arendt zuschreiben. Aber auch welche, die es, in englischer Fassung, ganz anderen Urhebern zuordnen. Und das Hannah Arendt-Zentrum in Oldenburg teilt auf Anfrage mit, der Satz lasse sich in Arendts publiziertem Werk nicht finden.

In der Bildersuche von Google tauchen Varianten des Spruchs als Tattoo-Motiv auf. Der Spruch ist offenbar nicht nur Kerkelings Lieblingsspruch.

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