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Luc Tuymans: "Ich hätte beinahe einen Menschen getötet"

Als Kind war der Maler ein Außenseiter und fand sein Glück im Zeichnen. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 48/2019

ZEITmagazin: Herr Tuymans, als junger Künstler hatten Sie weder Ruhm noch Geld. Wie kamen Sie damals über die Runden?

Luc Tuymans: Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und habe mich über 40 Jahre lang hochgearbeitet. Als ich 20 war, habe ich als Türsteher angefangen. Ich war zehn Jahre lang in mehreren Clubs in Antwerpen, Gent und Brüssel beschäftigt, in manche Clubs kamen bis zu 4.000 Leute. Meist arbeitete ich von 21 Uhr abends bis zum Mittag des nächsten Tages. An den anderen Tagen habe ich gemalt.

ZEITmagazin: Als Türsteher bleibt man außen vor, man gehört nicht dazu. Gefiel Ihnen das?

Tuymans: Ja, das kam meinem Naturell entgegen. Ich bin ein Außenseiter, das werde ich immer sein. Mich hat der Job als Türsteher aber zunehmend aggressiv gemacht. Ich war zu aufgedreht. Eines Abends hatte ich einen Clash mit einem Soldaten. In den Club kamen ein paar Fallschirmjäger, und die wollten Ärger machen. Als einer zuschlagen wollte, musste ich eingreifen und bin dann von hinten auf ihn zu. Ich bin ausgeflippt und habe ihm die Zähne ausgeschlagen. Es kam alles aus mir raus. Beinahe hätte ich ihn totgeschlagen. Erst im letzten Moment habe ich aufgehört. Danach wusste ich, jetzt reicht es, du hörst mit dem Job endgültig auf und musst raus aus dem Milieu. Ich musste mich dann mit der neuen Situation auseinandersetzen, auch finanziell. So habe ich schließlich versucht, meine Arbeiten zu zeigen, das war 1988.

ZEITmagazin: Wie denken Sie denn heute über diesen Vorfall?

Tuymans: Ich habe damals die Kontrolle verloren und hätte beinahe einen Menschen getötet. Das war die allerletzte Stufe. Ich erinnere mich an das, was meine Mutter mir immer mitgegeben hat: Jetzt geht es dir gut, und alles ist richtig, aber 30 Minuten später kann das alles falsch sein. Es ist vielleicht eine Art von Paranoia, aber das Leben kann sich schlagartig ändern. Man sollte nie die Konzentration verlieren. Heute geht meine Gedankenanordnung daher immer zuerst vom Schlimmsten aus, was passieren könnte. So bin ich auch weniger desillusioniert, wenn etwas schiefgeht, und kann dann trotzdem weiterarbeiten.

ZEITmagazin: Sie haben mit Ihren Bildern maßgeblich zur Rückkehr der figurativen Malerei beigetragen und werden daher oft als "Retter der Malerei" gepriesen. Gibt es etwas, das Sie gerettet hat?

Tuymans: Die Kunst, die Inspiration ist nicht etwas, was vom Himmel fällt. Sie ist meine Offenbarung, und in dem Sinne ist meine Rettung das Malen. Mein ganzes Leben fließt da ein. Ich war bis zu meinem 15. Lebensjahr fast autistisch, Zeichnen war für mich meine Therapie, eine Möglichkeit, mich der Welt zu stellen. Schon damals, als Jugendlicher, war klar, dass ich nicht dazugehöre. Eines Tages habe ich mir gesagt, jetzt reicht es, ich will mir gar keine Mühe mehr machen, dazuzugehören. Ich hatte einfach keine Lust mehr, nur über Fußball zu reden. Es war eine klare und deutliche Entscheidung. Ich habe mir meine eigene Isolation ausgewählt. Das Höchste für mich war und ist immer noch das Zeichnen.

ZEITmagazin: Woran haben Sie gemerkt, dass Sie anders sind?

Tuymans: Ich war als Kind zurückgezogen und introvertiert. Ich war ein hübscher Bursche, blondhaarig mit blauen Augen, aber mager und nicht groß und wurde sicher auch deswegen gemobbt. Ich habe die Attacken ausgehalten, das hat mich geformt. Die Selbstisolation war meine Überlebensstrategie. Und diese Distanz fließt in meine Arbeit ein, ich erzeuge sie auch zwischen Bild und Betrachter. Die Malerei berührt mich mit Haut und Haaren, und sie ist das, womit ich mich ausdrücke. Das Malen ist mein Leben. Es ist das wirkliche Glücksgefühl und durch nichts zu ersetzen. Ich werde nie aufhören und könnte nie von der Malerei völlig ablassen.

ZEITmagazin: Sie sind sehr erfolgreich. Macht dieser Erfolg einsam?

Tuymans: Alle Künstler meines Genres sind einsam, das macht der Kunstmarkt. Man befindet sich heute im Spekulationsbereich, das ist eine richtige Maschinerie. Der Kunstmarkt ist globalisiert, da herrscht heute ein ganz anderer Druck als früher. Als ich vor 27 Jahren begann, mit der Galerie David Zwirner in New York zusammenzuarbeiten, war ich einer der ersten vier bis fünf Künstler, die Galerie beschäftigte gerade mal eine Assistentin. Heute ist die Galerie weltweit vertreten, und dort arbeiten 400 Leute. Mit meiner Galerie in Antwerpen arbeite ich seit mehr als 29 Jahren zusammen, seit mehr als 26 Jahren mit der Galerie Wako in Tokio. Diese dauerhafte und langjährige Zusammenarbeit mit den Galerien ist mir besonders wichtig, da gibt es eine gewisse Loyalität. Als Gegenstück zu der Isolation als Maler kuratiere ich Ausstellungen. Ich sehe das als Möglichkeit, inhaltlich zu zeigen, was Kunst ist, und ich kann dabei junge Künstler einbinden. Heute ist der Einstieg für junge Künstler ein anderer als zu meiner Zeit, die müssen heute noch viel mehr machen.

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