Männerkleider: Mann, was für ein Kleid

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 48/2019

Als Margherita Missoni im September ihre neue Kollektion für die Modemarke M Missoni vorstellte, mietete sie einen Sonderzug der Mailänder Straßenbahn, der, bunt beklebt in den für das Label typischen Regenbogenfarben und voll besetzt mit Models, durch die Altstadt zuckelte. Ein Model stach heraus: ein Mann, der ein Kleid trug. Er sah damit nicht verkleidet aus und auch nicht wie jemand, der mit Gendergrenzen spielt. Er sah einfach aus wie ein gut angezogener Mann, der Straßenbahn fährt in einem Kleid.

Nicht nur bei M Missoni sind Männer derzeit ohne Hosen unterwegs, auch andere Kollektionen geben Bein frei. Bei Thom Browne etwa spielt ein grauer Rock um die Beine des Mannes, bei Burberry wurde schon vergangenes Jahr ein langer schwarzer Rock unter einem Poncho getragen, und bei Prada kombinierte man bei den Schauen einen schwarzen Rock unter einem schwarzen Mantel mit einem blauen Hemd. Gucci zog einem männlichen Model sogar ein Fransenkleid mit großen Pailletten an. Erstaunlicherweise wirken diese Kleider nicht sonderlich feminin. Was vielleicht daran liegt, dass das Kleid als solches ursprünglich von beiden Geschlechtern getragen wurde – und in etlichen Regionen auf der Welt heute noch getragen wird. Ein arabischer Kaftan ist auch nichts anderes als ein Kleid.

Bis zur Eisenzeit (750 v.–400 n. Chr.) gab es in Europa noch gar keine Hosen. Männer wie Frauen in Nordeuropa trugen Wickelröcke und -mäntel oder Hemdgewänder. Als die Hosen auftauchten, wurden sie erst mal hauptsächlich von Reitern getragen. Die Gewänder, die darüber angelegt wurden, erinnerten noch lange Zeit an Kleider, wie wir sie heute kennen. Auch noch zur Zeit Ludwigs XIV. galt es in adligen Kreisen als durchaus männlich, sich in wallende Gewänder aus Samt, Seide und Spitze zu hüllen. Generell war es bei Kleidungsstücken nicht relevant, das Geschlecht zu markieren, wichtiger war die Standeszugehörigkeit. Erst die zunehmende Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau führte zu einer strengen modischen Trennung der Geschlechter im 18. Jahrhundert. Es hat den Mann nicht schöner gemacht: Seither ist er verdammt, Kleidung zu tragen, die ein Ober- und ein Unterteil kombiniert. Und die beiden Teile treffen in der Körpermitte aufeinander – ausgerechnet in der Region also, die für viele Männer im Alter problematisch wird. Hinzu kommt, dass man in Hosen im Sommer eher schwitzt als in einem Kleid. Und schließlich erfüllen sie heute nicht einmal mehr den Zweck, für den sie einst erfunden wurden: Wir reiten nicht mehr, sondern fahren Auto, Fahrrad oder Straßenbahn. Es wird Zeit, dass wir die angemessenen Kleider dafür finden.

Foto: Peter Langer / Für beide: Unisex-Kleid von M Missoni

Kommentare

263 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren