© Uwe Anspach/​dpa

Feldhamster: Gut gebrüllt, Hamster!

Der Frankfurter hat ein Problem: Er findet keine Wohnungen mehr. Der Feldhamster hat auch ein Problem: Er stirbt aus. Auf einem Feld in Frankfurt treffen beide Probleme aufeinander, denn eine der letzten Feldhamsterkolonien Hessens soll einem Wohngebiet Platz machen. Von

Bevor Anwohner fast tausend Unterschriften sammelten, Medien berichteten, Politiker sich gegen die eigene Fraktion stellten und ein Pfarrer öffentlich abwog, welche Leben wohl mehr zählten, war das 42 Hektar große Ackerland bei Frankfurt einfach nur das Zuhause eines bis zu 35 Zentimeter großen Nagers mit flauschigem Fell und runden Öhrchen.

Der Feldhamster, Cricetus cricetus, wiegt bei der Geburt etwa so viel wie eine Ein-Euro-Münze, frisst sich an Getreide, Feldfrüchten und Insekten bis zu 500 Gramm schwer und erinnert ausgewachsen ein wenig an ein Meerschweinchen. Er verschläft mehr als die Hälfte seines circa vier Jahre langen Lebens unter der Erde – immer von Oktober bis April. Schade eigentlich, denn Zoologen schrieben bereits 1879, hamastro, der Kornwurm, wie man ihn damals nannte, sei ein "leiblich recht hübsches Geschöpf". Heute hat er ein Problem: Der Feldhamster gilt in Deutschland als vom Aussterben bedroht, und auch weltweit verschwindet er aus immer mehr Gebieten.

Zwei Gründe scheint es auf den ersten Blick dafür zu geben: Der Mensch will essen. Und so zieht die Landwirtschaft mit der Macht moderner Maschinen zu Felde, die dem Feldhamster weder Deckung noch Erntereste lassen. Und der Mensch will wohnen. Bis zu 50 Fußballfelder Bauland versiegeln die Deutschen pro Tag – dazu zählen nicht nur Flächen für Häuser, sondern auch solche für Straßen, Autobahnen, eben alles, was Asphalt bedeutet.

In Sindlingen, einem etwa 9000 Einwohner großen Stadtteil im Südwesten von Frankfurt, markiert ein Feldweg den Ort des Streits. Daneben liegen gepflügte Äcker, auf denen Kartoffeln in feuchter Erde kleben, am Horizont sieht man Strauchwerk und Büsche, versteckt dahinter Gleise – alle 16 Minuten fährt die S-Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof.

Was hier geplant ist: Asphalt. Gebäude, die Platz bieten für 5000 Menschen, fünfstöckig gebaut – man muss nach oben, weil der Platz in der Breite nicht reicht.

2013 hatte der damalige Planungsdezernent der Stadt Frankfurt, ein Grünen-Politiker, 15 Gebiete vorgeschlagen, auf denen er Wohnungen bauen wolle. In Sindlingen sollte das größte Areal entstehen – aber hier wohnt eine der letzten Feldhamster-Populationen in Hessen, etwa 20 Tiere.

Mehrere Sindlinger gründeten ein Aktionsbündnis, um das Baugebiet zu verhindern, der Stadtteil sei zu klein für das Projekt. Der Konflikt spaltete die Grünen in Frankfurt: Die Ortsbeiräte der Sindlinger Grünen enthielten sich bei der Abstimmung über das Baugebiet – und stellten sich somit gegen die eigene Partei in der Stadtverordnetenversammlung. Der Streit uferte so weit aus, dass ein evangelischer Pfarrer im Hessischen Rundfunk debattierte, was wichtiger sei: das Leben einer geschützten Art oder Wohnraum für den Menschen? Am Ende kam er zu dem Schluss, dass es eben kompliziert sei, dass er persönlich zwar den Hamster schützen würde, dies aber eine Gewissensentscheidung sei, ohne Richtig, ohne Falsch. Im Oktober 2019 verkündete der neue Planungsdezernent von Frankfurt, ein SPDler, dass eine Bebauung vorerst nicht zulässig sei, wegen der Feldhamster.

Einer kämpft weiter für das Wohngebiet: Sieghard Pawlik, 78, saß für die SPD als Umweltpolitiker im Landtag. Heute gehört ihm ein Sitz in der Abgeordnetenversammlung der Stadt Frankfurt. Sein Fach ist die Wohnungs- und Baupolitik. "Stadt ist Trend", sagt er, "weltweit."

Anzug, Krawatte, streng zurückgekämmte Haare: So sitzt er in einem Sitzungsraum der SPD im Römer, dem Frankfurter Rathaus, und klopft mit den Knöcheln nach jedem Satz auf den Tisch. "Die Stadt wächst." Klopfen. "Menschen ziehen weg vom Land." Klopfen. "Man fällt aus der Wohnung und ist dicht an den Menschen, den Kneipen, der Kultur." Klopfen. "Also sagen wir in der Frankfurter SPD: Wir bauen Stadt." Lautes Klopfen.

Wir haben Luis Murschetz gebeten, für diese Geschichte einen Feldhamster zu zeichnen. In seinem Kinderbuch "Der Hamster Radel" geht es um einen Goldhamster, der ausbricht. Die Goldhamster, die wir in Käfigen halten, kommen aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet und haben mit dem Feldhamster wenig gemeinsam. © Luis Murschetz

Schon heute würden der Stadt 30.000 Wohnungen fehlen, in den nächsten zehn Jahren sei abzusehen, dass etwa 100.000 weitere Menschen nach Frankfurt ziehen. "Was sollen wir denn tun? Maschinengewehre aufstellen und sie fernhalten? Die Leute haben ein Recht auf Freizügigkeit." Schon jetzt sehe er erste Anzeichen. Leute, die in Gartenlauben wohnen, auf Matratzen in Garagen hausen. "Wohnungsbau", sagt Pawlik, "ist eine zentrale soziale Frage."

Und der Hamster? "Umsiedlung wäre eine Option."

Naturschützer sagen: Vergleichbar gut geeignetes Hamster-Land wie das in Sindlingen ist selten. Wissenschaftler der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung sagen: Langfristig überleben Hamster eine Umsiedlung nicht.

SPD-Mann Pawlik erwidert: "Wenn wir das Sterben von Insekten, von Vögeln beklagen, dann hat das in vielen Fällen mit ausgeräumtem Ackerland zu tun. Wüsten ohne Lebensgrundlage." Das in Sindlingen seien eben solche Flächen moderner Lebensmittelindustrie. "Denen würde vermutlich niemand eine Träne nachweinen."

Kommentare

138 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren