Harald Martenstein: Über die Folklore um die Droge Ebbelwoi und einen Bembel-Betrug im Fernsehen

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Aus der Serie: Martenstein

Frankfurt hat einige kulinarische Spezialitäten hervorgebracht, etwa das Frankfurter Würstchen. Anderes schmeckt in Frankfurt besser als anderswo, dazu gehören Rippchen mit Sauerkraut und Apfelwein. Er heißt hier Äppelwoi oder Ebbelwoi, die Schreibweise variiert. Ebbelwoi schmeckt nicht so facettenreich wie Wein aus Trauben, aber er enthält weniger Alkohol und wird deshalb bedenkenloser als Durstlöscher eingesetzt.

Mediengeschichte hat Frankfurt unter anderem mit einer Sendung geschrieben, die dreißig Jahre lang lief und zeitweise 20 Millionen Zuschauer gehabt haben soll. Auch ich saß oft im Wohnzimmer meiner Großeltern und schaute im Fernsehen Zum Blauen Bock, im Grunde eine Dauerwerbesendung für Ebbelwoi. Der Blaue Bock wurde erstaunlicherweise nachmittags gesendet, zumindest manchmal, live, dreißig Jahre lang. Die Show fand abwechselnd in verschiedenen hessischen Städten statt, auch kleinen, meistens war ein immer derangierter wirkender Bürgermeister dabei. Das Publikum saß auf Bänken und betrank sich, parallel dazu wurden Gesangsdarbietungen und Sketche gezeigt. Anfangs moderierte Otto Höpfner. Er war der Meinung, der Erfolg der Sendung sei vor allem ihm zu verdanken, und kündigte, um anderswo noch berühmter zu werden, eine Fehlentscheidung. Heinz Schenk übernahm, ein Mainzer. In Hessen und Umgebung wurde Heinz Schenk das, was im Pop heute James Blunt ist.

Nach dem dritten Ebbelwoi sagte mein Großvater oft: "Ei, jetz gebb doch dem Bub halt auch e bissje was von dem Stöffsche." Meine Großmutter, entsetzt: "Ei, des geht doch nit, der is doch grad zehn." Er: "Unsern Schorsch is mit Ebbelwoi neunzisch geworde und lebt immer noch." Der Schorsch war sein Großonkel, dessen rote Nase ich als Kind anfangs für eine Clownsnase aus Pappe gehalten habe. "Ohne sein Bembel wär der Schorsch schon längst unner der Erd." Tatsächlich steht warmer Ebbelwoi im Ruf, gegen Erkältungskrankheiten zu helfen.

So eine Zeit war das. Der Bembel ist der Krug für den Ebbelwoi, hergestellt im nahegelegenen Kannebäckerland, getrunken wird aus einem geriffelten Glas, geriffelt, damit es nicht so leicht aus der Hand fällt. Rund um diese Droge hat sich eine reiche Folklore gebildet, ähnlich wie in Jamaika um das Marihuana, mit Bands wie den "Schoppeschleppern", deren größter Hit meines Wissens Äppelwoi zum Frühstück heißt. Oder so ähnlich. Die "Söhne Heusenstamm" haben es geschafft, Bob Marleys Reggae-Klassiker Buffalo Soldier mit dem neuen Refrain "Äppelwoi Cola" zu covern und somit die hessische mit der jamaikanischen Kultur zu verschmelzen. Die Reinheitsbestimmung für Apfelwein stammt aus dem Jahr 1638. Durch Frankfurt fährt am Wochenende der "Ebbelwei-Expreß", eine Straßenbahn, in der das Stöffsche ausgeschenkt wird. Als sich die EU vor ein paar Jahren anschickte, die Produktbezeichnung "Wein" für Getränke aus Trauben zu reservieren, gab es einen Aufschrei, der heute wohl die Produktbezeichnung "#FreeBembel" trüge. Wer in dieser Gegend und in dieser Familie groß wurde, kann nicht anders, als für eine liberale Drogenpolitik einzutreten. Frankfurt steht doch trotz Ebbelwoi gut da, auch in der Sterbestatistik. Der als sehr diszipliniert geltende Heinz Schenk allerdings hat im Fernsehen zwar Bembel um Bembel geleert, aber da war, wie man heute weiß, Apfelsaft drin. Das Erbe des Blauen Bock übernahm später der vergleichsweise cleane Musikantenstadl, das war, was die öffentlich ausgelebte Ekstase betrifft, ein Menetekel.

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