Lisa Simone: "Ich schlafe in dem Raum, in dem meine Mutter gestorben ist"

© Bartosz Ludwinski
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 49/2019

Es war lange Zeit nicht einfach für mich, die Tochter von Nina Simone zu sein. Viele Menschen haben da falsche Vorstellungen. Als Kind war ich oft von ihr getrennt, wenn sie auf einer ihrer Tourneen war. Mit 14 bin ich dann zu meinem Vater gezogen.

Alles, was von meiner Kindheit übrig war, starb mit ihr. Zehn Jahre lang habe ich den Namen Lisa nicht mehr benutzt, weil ich fand, dass Lisa mit Nina gestorben war. Die Zeit nach dem Tod meiner Mutter war auch deswegen furchtbar, weil ich ihrer Stimme nicht entkommen konnte. Überall schienen ihre Songs zu laufen. Ich hielt dann immer inne, blickte Richtung Himmel und blendete die Welt um mich herum aus.

Das Haus meiner Mutter bei Marseille, in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte, besuchte ich zum ersten Mal, als ich zu ihrer Beerdigung kam. Für mich wird es immer ihr Haus bleiben, auch wenn ich mittlerweile selbst darin wohne. Ich schlafe sogar in dem Raum, in dem sie gestorben ist. Als ich zehn Jahre nach ihrem Tod beschloss, dort einzuziehen, war ich eigentlich nur für einige Konzerte nach Frankreich gekommen. Spontan sagte ich meinen Rückflug in die USA ab, um mehr Zeit in Frankreich verbringen zu können. Ich wollte herausfinden, was meine Mutter an diesem Land so geliebt hatte.

Als ich 2013 mit meinem Mann und unserer damals 14-jährigen Tochter in Marseille ankam, hatten wir je zwei Koffer dabei und den Traum von einem Neuanfang. Leider war meine Tochter dann in ihrer französischen Schule so unglücklich, dass wir beschlossen, sie erst mal in die USA zurückkehren zu lassen, mein Mann ging mit ihr.

Als die beiden weggeflogen waren und ich am Flughafen stand, dachte ich, dass mein Herz zerspringt. Ich fuhr zurück zu dem Haus und musste mich erstmals allein mit den Geistern dort auseinandersetzen und mich meiner Verzweiflung, Einsamkeit und Wut stellen.

Zu der Zeit gab ich viele Konzerte. Auf der Bühne scherzte ich mit dem Publikum herum, danach musste ich dann immer allein zurück zu diesem Haus.

Meine Mutter erschien mir in jenen Jahren oft in meinen Träumen. Sie sprach in diesen Träumen zwar nie mit mir, trotzdem war da eine intensive Verbindung zwischen uns. Manchmal sah ich, wie sie in einem alten Auto auf mich zu fährt. Ich rufe: Mom! Hier bin ich! Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen! – Und sie lächelt nur. Es waren schöne Träume. Alle meine Ängste habe ich damals hinter mir gelassen. Auch den Schmerz, der unsere Familie so lange belastet hat, habe ich inzwischen überwunden.

In ihrem Haus ist meine Mutter ganz allein gestorben. Niemand, der sie liebte, war in ihrer Nähe. Im Laufe der Zeit hatte sie viele von uns vertrieben. Ich werde nicht so sterben. Meine Familie und meine Freunde werden bei mir sein. Das ist jedenfalls mein Traum.

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