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Historiker: "Viele Chronisten sind leider große Lügner"

Unser Gastautor Achatz von Müller stammt aus einer Familie, die im Mittelalter bedeutend war. Sein Interesse an dieser Zeit hat jedoch andere Gründe. Wie erforscht man eine Epoche, die tausend Jahre zurückliegt? Interview:
ZEITmagazin Nr. 50/2019

Als wir in der Redaktion über das Jahr 2020 nachgedacht haben, stellten wir fest, wie selten eine solche Jahreszahl ist: 2020. Zwei Null, Zwei Null. Wann gab es so etwas zuletzt? 1010. Dann dachten wir: Wie wäre es, für diese Ausgabe eine Art Zeittunnel zu betreten und zurückzureisen in eine vergangene Epoche? Kann uns das Jahr 1010 etwas über die Gegenwart erzählen? In dem Hamburger Historiker Achatz von Müller fanden wir den idealen Autor für diesen Jahresrückblick 1010. Bei unserem ersten Telefonat erzählte er mir, dass man das Jahr 1010 durchaus als Spiegel für das Jahr 2020 lesen könne. Man könne es beispielsweise nicht ohne ein verändertes Rollenverständnis zwischen Frauen und Männern verstehen. 1010! Er fuhr fort, dass auch er gern über den Alltag der Menschen schreiben würde. "Heute sagen wir öfter, dass wir mehr Ruhe und Abgeschiedenheit hätten", sagt Achatz von Müller, "wir haben aber in unserer vernetzten Welt gar keine Vorstellung mehr davon, was Abgeschiedenheit wirklich bedeutet."

ZEITmagazin: Herr von Müller, was ist für Sie an dem Jahr 1010 so interessant?

© Universität Basel

Achatz von Müller: Nun, auffällige Zahlen von Jahrtausendwenden ergreifen auch nüchterne Leute. Wir alle haben uns im Jahr 1999 vor dem Absturz der Computer gefürchtet – die Menschen im Jahr 999, also im Frühmittelalter, hatten ebenfalls Angst. Aus dem westlichen und nördlichen Frankreich und Teilen Süddeutschlands sind Predigten erhalten, in denen die Furcht vor dem Weltuntergang eine Rolle spielt. Im Jahr 1010 musste man sich darauf einrichten, dass es doch weitergeht.

ZEITmagazin: Wie sieht die Landkarte von Mitteleuropa zu dieser Zeit aus?

von Müller: Das Frankenreich Karls des Großen ist aufgespalten in einen West- und einen Ostteil – das Königreich Frankreich und das Römische Reich, das auch Teile Italiens umfasst. Im Osten herrscht der sehr erfolgreiche und mächtige König Heinrich II., 1014 wird er in Rom zum Kaiser gekrönt.

ZEITmagazin: Wie leben die Menschen?

von Müller: Sie beschäftigt vor allem eine Frage: Was wird aus mir vor Gott? Die Welt, in der man in Zukunft hoffte sein zu dürfen, ist viel wichtiger als die Welt, in der man lebt. Die Kirche hat daher große Macht.

ZEITmagazin: Wie geht es den einfachen Leuten?

von Müller: Nicht so gut, sie leben nicht einmal so lange wie ihre Vorfahren zur Römerzeit. Die Bevölkerung ist stark zurückgegangen und beginnt gerade erst wieder zu wachsen. Nach dem Zusammenbruch des antiken Römischen Reichs im 5. Jahrhundert ist alles durcheinandergewirbelt worden, junge Völker haben sich niedergelassen. Die einzige größere Stadt in Deutschland ist Köln, das bereits in der Antike eine blühende Stadt war. Damals sorgten römische Regionalbeamte dafür, dass man überall so gut versorgt wurde wie in Rom. In Köln konnte man sogar Austern essen. Jetzt hungert man, wenn die Ernten schlecht ausfallen.

ZEITmagazin: Gibt es 1010 auch Hoffnung?

von Müller: Bedeutende Erfindungen sind bereits gemacht, etwa das Kummetgeschirr, mit dem man Pferde beim Ackerbau einsetzen kann. Oder das Hufeisen. Doch es dauert, bis sie sich durchsetzen. Erst im späten 11. Jahrhundert beginnt die Agrarrevolution des Mittelalters, auch dank des eisernen Pflugs, der auf den schweren Böden in Deutschland sehr hilfreich ist.

ZEITmagazin: Wenn man Ihre Texte liest, hat man den Eindruck, dass Sie Mitleid mit den Menschen haben, die damals lebten.

von Müller: Das ist richtig. Man darf allerdings nicht nur zurückblicken. Heute leben Millionen, wahrscheinlich sogar Milliarden Menschen in mittelalterlichen Verhältnissen, ohne Sicherheit, unablässig um Nahrung bemüht, ohne Garantie für morgen. Sie sollten wir nicht vergessen.

ZEITmagazin: Sie beschäftigen sich bereits seit den Sechzigerjahren mit dem Mittelalter, es ist – neben der Renaissance – Ihr zweites Fachgebiet. Was ist für Sie daran so reizvoll?

von Müller: Das ungeheuer Unbekannte. Es ist eine sehr ferne und fremde Welt.

ZEITmagazin: Wie verschaffen Sie sich Einblick?

von Müller: Viele zeitgenössische Chronisten sind leider große Lügner. Zuverlässiger sind die Jahrbücher der Klöster und Urkunden, obwohl es auch viele Fälschungen gibt. Zu meiner Studienzeit war es noch selbstverständlich, dass man sich in der Biblioteca Vaticana in Rom die Originale ansah. Für dieses Heft habe ich in der Universitätsbibliothek in Basel Zusammenfassungen von Urkunden nachgeschlagen, man muss natürlich Latein können.

ZEITmagazin: Sie tragen einen adeligen Namen. Reicht Ihre Familiengeschichte bis ins Mittelalter zurück?

von Müller: Ja, die Familie meiner Mutter lässt sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen, sie stammte aus dem Harz. Sie stellte mehrere bedeutende Reichsbeamte. Einer meiner Urväter war im 13. Jahrhundert Reichsverwalter der Toskana – wahrscheinlich kein gutwilliger Herr, wie fast alle Herren. Der Adelstitel meines Vaters, von dem mein Name ist, stammt dagegen aus dem frühen 19. Jahrhundert.

ZEITmagazin: Hat all das dazu beigetragen, dass Sie Historiker wurden?

von Müller: Eigentlich nicht. Ich habe als Soziologe begonnen. Dann kam die Studentenrevolte, die mich sehr entzückte, weil man da ja auch eine Frage nach der Geschichte stellte: Wie kam es zum Nationalsozialismus? Seine totalitäre Macht war in der Verfassung nicht vorgesehen, sie wurde einfach durchgesetzt. So entstand mein Interesse an ursprünglichen Gesellschaften und der Frage, wie Macht entsteht. Bis heute bin ich der Überzeugung, dass es Aufklärung auch durch Geschichte gibt.

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Wie, Neros Prinzipat alles nur Lügen der flavischen Hofhistoriographie?!? Das wiederum ist hanebüchen abenteuerlich ...