Chris Martin: Über Vorlagen

© Anthony Behar/​ddp
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 51/2019

Chris Martin, Frontman von Coldplay, will künftig alles richtig machen: kein Plastik mehr verwenden, um die Meere zu retten. So lange nicht mehr auf Tour gehen, bis dies klimaneutral möglich ist. Und, das erzählte er nebenbei, aber es freut uns als Journalisten besonders: Er lässt sich öfter von journalistischen Reportagen zu Songs anregen. Er schaue, erklärte der Brite im Interview mit der BBC, häufig auf die BBC-Website und habe zwei BBC-Reportagen in das neue Album einfließen lassen, eine über einen afghanischen Gärtner und eine über einen nigerianischen Hymnenkomponisten.

Betrachtet man das Œuvre von Coldplay, so fragt man sich, ob das nicht schon länger ihr Erfolgsrezept war: Reportagen in Hits zu verwandeln. Wurde nicht Don’t Panic dem Fan-Volk 2001 als musikalische Beruhigungspille verabreicht, nachdem erste Insider-Reportagen aus der Blasen-Welt gieriger Finanzmarktspekulanten erschienen waren? Sollte auch der Gärtner-Song ein Hit werden, wird sicher ein neues Genre begründet: Journalisten-Pop wird dem Gangster-Rap Konkurrenz machen. Singer-Songwriter werden sich zu Spectator-Songwritern fortbilden lassen. Dabei dürfen sie natürlich nur songwriten, was ist.

Wobei, Martin sagte in dem BBC-Interview: "Der Journalismus in seiner besten Form findet diese individuellen Geschichten, die unsere gemeinsame Menschlichkeit stärken." Wir deutschen Journalisten müssen bei solchen Sätzen nicht nur schniefen vor Selbstrührung, sondern auch an die Laudationen für den übermäßig fantasiebegabten und zum Kitsch neigenden damaligen Spiegel-Autor Claas Relotius denken. Sollte jemand aus dessen Texten Lieder machen wollen, wären Titel ideal wie: Only in My Dreams, Little Lies oder The Woman That Never Existed. Passend wäre es, wenn das die ehemaligen Formationen Milli Vanilli (die Sänger, die nicht sangen) oder Wishful Thinking (die Band mit dem Relotius im Namen) vortrügen.

Eine Fundgrube für deutsche Spectator-Songwriter sind ARD-Dokus. Ihre Titel haben auffallend oft bereits Songtitel-Qualitäten. Arsch hoch, Deutschland! klingt wie getextet von Wolfgang Niedecken. Und was wohl Campino aus Scheißjob Bulle? machen wird? Natürlich richtig guten Beamtenpunk. Und wenige Monate nach Ausstrahlung der ARD-Doku Verliebt, verlobt, verprügelt sehen wir schon Sarah Connor so mitfühlend in die Klaviertasten greifen, dass selbst nigerianische Hymnenkomponierer ganz neidisch werden.

Meine eigene jüngste Reportage über die Kanzlerambitionen von Olaf Scholz eignet sich leider nicht zur musikalischen Aufbereitung: Den passenden Song, You Can’t Always Get What You Want, den gibt es schon längst.

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Das hat schon in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ein Liederschmied namens John Lennon in ähnlicher Weise gehandhabt, unter anderem in dem Song "A Day in The Life": Er ließ sich für seinen Teil des Textes von seiner Zeitungslektüre inspirieren. So singt er in der ersten Strophe von einem tödlichen Autounfall, der sich auf den tragischen Tod des befreundeten Millionenerben Tara Browne bezieht. Im weiteren zitiere ich einfach mal das digitale Universallexikon:
"In der dritten Strophe greift er einen Artikel vom 17. Januar 1967 der Daily Mail über Schlaglöcher in Blackburn, Lancashire, auf. Die Löcher wurden auf Anweisung gezählt und auf ca. 4000 geschätzt, womit auf 26 Bewohner des Landkreises ein Loch kam. Diesen absurden Vergleich trieb Lennon auf die Spitze, indem er sagte, jetzt wisse man auch, wie viele Löcher man benötige, um die Royal Albert Hall zu füllen."

Und John Lennon wurde noch konkreter, es könnte als konkreter Arbeitshinweis für Chris Martin dienen:
"I was writing A Day In The Life with the Daily Mail propped in front of me on the piano. I had it open at their News in Brief, or Far and Near, whatever they call it. I noticed two stories. [...]" [Anthology]