Damenmode: Das neue Kostüm

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 51/2019

Fast überall auf der Welt wird heute das Weniger gepredigt: Weniger Flugreisen, weniger Plastik, weniger CO₂. In der Mode hingegen sehen wir zurzeit: mehr, mehr, mehr. Mehr Stoff, mehr Volumen, mehr Ornament. Bei Valentino sind es transparente Roben in Schiaparelli-Pink, bei Saint Laurent schwarze Röcke mit ausladenden Volants. Chanel hat klassische weiße Blusen mit romantischem Wasserfall-Kragen in der Kollektion, Rodarte Blusen mit großen Rüschen. Marc Jacobs kombiniert einen gerafften Stehkragen mit Blumenmuster. Außerdem: Puffärmel, Schleifen und Pailletten, wo man hinschaut. Alles wirkt, als wäre es für den ganz großen Auftritt gedacht.

Gerade haben wir in dieser Kolumne noch gelobt, dass Damenmode nun endlich so sei, wie Frauen es wollten – nämlich praktisch, minimalistisch und wandelbar. Und schon sind die Kollektionen voll von Kleidern, die ihre Trägerinnen wirken lassen wie ein Tischfeuerwerk. Es lohnt sich, ein bisschen länger über dieses Kostümfest in der Mode nachzudenken. Möglicherweise sind die ornamentalen Kleider eine Gegenbewegung zur allgegenwärtigen Forderung nach Authentizität. Überall, wo wir uns bewegen und präsentieren, sollen wir heute ganz wir selbst sein, unverstellt und echt. Und an diesem Selbst sollen wir auch noch ständig arbeiten, es ergründen und ausbauen, es stärker und interessanter machen.

Dabei ist es mitunter eine anstrengende Angelegenheit, ständig man selbst zu sein. Und es ist noch dazu häufig sehr unerfreulich, sich mit dem eigenen Selbst zu beschäftigen. Die Mode hingegen bietet seit je die Möglichkeit, Abstand von der eigenen Person zu nehmen. Sie kann dazu verhelfen, eine herausgeputzte Version von sich selbst unter die Leute zu bringen. Im Grunde ist dies die bessere Selbsterforschung: Wenn man in eine neue Hülle schlüpft, lässt sich spielerisch ausprobieren, wie es wäre, jemand anderes zu sein.

Das ist auch historisch gesehen eine wichtige Funktion der Mode. Sie beschäftigt sich indirekt damit, wie eine andere, bessere Welt aussehen könnte. Als etwa Madeleine Vionnet Anfang des vorigen Jahrhunderts in Paris eine Damenmode zeigte, die ohne Korsett auskam, war sie damit ihrer Zeit voraus. Und als Coco Chanel sich für ihre Entwürfe ausgerechnet Anleihen beim Schnitt männlicher Uniformen nahm, waren Frauen noch weit entfernt davon, eine gleichberechtigte Rolle in der Gesellschaft zu spielen. Die Mode konnte dem aber vorgreifen.

Manchmal können Kleider die Welt verändern. Oder zumindest die Art, wie man sie betrachtet.

Foto: Peter Langer / Stoff für neue Perspektiven: Kleid von Valentino

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