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Wolf Biermann: "Ich brauchte viele Jahre, um mit dem Kommunismus zu brechen"

Die Liebe zu seiner Frau rettete den Liedermacher im doppelten Sinne. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung

ZEITmagazin: Herr Biermann, neben der Ausbürgerung durch die DDR, welchen Wendepunkt gab es noch in Ihrem Leben?

Wolf Biermann: Im Jahr 1983, als ich meine Frau Pamela im Workshop Wie macht man Lieder traf. Der Abend war schwierig, ich musste mit Emanzen streiten, die mich einen Chauvinisten schimpften. Ich sang ein Lied: "Bloß paar schnelle Sprünge weg vom Wege / legte ich ihr weißes Fleisch ins Gras / Mittagssonne brannte durch die Fichten / Als ich sie mit meinem Maße maß." Ich wurde aufgeklärt, dass jede Frau ein Mensch ist und nicht weißes Fleisch. Am Ende kam eine junge Frau und sagte: "Lass dich nicht so beuteln!", und drückte mir einen Zettel in die Hand. Kaum hatte ich sie gesehen, war sie wieder weg.

ZEITmagazin: Und dann?

Biermann: Sie hatte ein Gedicht geschrieben für den Workshop, zu dem sie mitgeschnackt worden war. Sie kannte nichts von mir. Am nächsten Morgen sah ich mir die Zeilen an und staunte nicht schlecht. Und wie der Zufall so spielt, standen unten Adresse und Telefonnummer. Der Philosoph Hegel hat geschrieben: "Das Notwendige setzt sich immer zufällig durch."

ZEITmagazin: Sie hat dem Zufall wohl auch nachgeholfen. Und Sie riefen dann gleich an?

Biermann: Ja, wir haben gleich zwei Stunden telefoniert. Und ich merkte: Sie ist klug, das gefiel mir! Ich schlug vor, uns gleich zu treffen. So ging ich mit Pamela im Februar an diesem sonnigen Wintertag über höllisches Glatteis spazieren. Ich 46, noch schön jung, und sie schon 19 Jahre alt. Genau in dem Jahr, in dem ich mit meinem kommunistischen Kinderglauben gebrochen habe, kam’s, wie es kommen musste. In meinem Gedicht heißt es: "Sie rutscht! sie fällt!! ich halte sie!!! / Und tau’ sie auf mit einem Kuss / Drei Kinder hab ich dann gepflanzt / In ihren Garten. Überdies / Riss sie mich aus dem Höllenschlund / Der Traurigkeit ins Paradies / Am Anfang war der Kuss! Danach / Kam erst das Wort, der Ton im Licht. / Und meine Schöne singt so schön / – dass mir vor Lust das Herze bricht."

ZEITmagazin: Wie romantisch! Aber woher diese Leidenschaft für den Kommunismus und die Weltrevolution?

Biermann: Ich wurde in der Nazi-Zeit in eine Kommunisten- und Judenfamilie geboren. Ein halbes Jahr nachdem mein Vater in Auschwitz verbrannt wurde, geriet ich mit meiner Mutter in Hamburg ins Zentrum der Luftangriffe der Royal Airforce, dem Feuersturm, in dem 40.000 Menschen verbrannt sind. Emma nahm mich Sechsjährigen auf den Rücken und schwamm mit mir durch den Kanal raus aus dem Feuer. Sie war eine ganz normale Arbeiterfrau, ihre Wünsche an den Sohn waren bescheiden: Ich sollte die Menschheit retten und den Kommunismus aufbauen. Diesen kleinen Gefallen wollte ich ihr tun und ging mit 16 Jahren in die DDR, wo ich lernen wollte, wie man das schafft.

ZEITmagazin: Geschafft haben Sie das nicht. Wann kam die Erleuchtung?

Biermann: Ich brauchte viele Jahre, um mit dem Kommunismus zu brechen. Das gelang mir erst 1983, sechs Jahre nach der Ausbürgerung. Meine Suche nach der idealen Gesellschaftsidylle, genannt Kommunismus, war passé. Ich war endlich so weit, ein guter Verräter am Kommunismus zu werden. Und mich rettete die Liebe. Eine Rettung im doppelten Sinne: Ich hatte die illusionäre Grundhaltung zur Menschheit überwunden, und mir begegnete die Frau, die ich liebe und mit der ich wirklich leben will und auch kann.

ZEITmagazin: Wie hat Ihre Frau Sie in den Bann gezogen?

Biermann: Ihre féminité und ihr féminisme, Weiblichkeit und Frauen-Power. Ansonsten kennt wahre Liebe keine Gründe. Pamela ist die Liebe meines Lebens. Menschen, an denen ich mich festgehalten habe, kannte ich schon vorher, sonst wäre ich nicht durchgekommen. Im Spiel der Geschlechter hatte ich mich mit mehr Frauen eingelassen, als ich seelisch und geistig bewältigen konnte. Meine Generation postulierte, es sei ein Akt der Befreiung, wenn jeder mit jedem ins Bett geht. Ein spießiger Irrglaube. Nein: Man muss die Unendlichkeit in einem Menschen finden. Diese intentionale Unendlichkeit, die Hegel meint, findet man, wenn man Glück hat, in der Liebe zu einem unverwechselbaren Menschen. Ich fand ihn endlich, das war meine Rettung. Die Liebe mit Pamela hat mir geholfen, nach all dem Auf und Ab im Streit der Welt mich zu stabilisieren – menschlich wie politisch.

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Pathetisch, selbstgerecht und worthülsengewaltig - so kennen wir ihn. Allerdings erst seit seiner Ausbürgerung. Erst damit wurde er zur Ikone.

Der frühe Biermann sang immer noch Loblieder auf den Kommunismus (eine West-Platte hieß : Mit Marx- und Engelszungen), der spätere schimpfte auf "die Ossis", keilte gegen die Gegner des (inzwischen ersten) Irak - Krieges und alles, was links ist.
Mir hat dieses Verhalten des heutigen Herrn Biermann jegliche Lust genommen, mich mit dem früheren zu beschäftigen.