Die Grünen: Über Paare

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 52/2019

Wie ist es eigentlich gekommen, dass die Doppelspitze zur heißesten Führungsformation unserer Zeit geworden ist? Dabei war sie, man hatte es schon fast vergessen, bis vor nicht allzu langer Zeit ein Gebilde, das nicht unter dem dynamischen Begriff Doppelspitze bekannt war, sondern einfach "Quote" hieß: ein Instrument zur Gleichstellung der Frau, von den Grünen in den Achtzigerjahren als erster Partei in Deutschland implementiert. Lange zog die Regelung so hässliche Begriffe wie "Quotenfrau" nach sich (gerade so, als gäbe es keine mitteltalentierten männlichen Politiker, die ihren Job vor allem deshalb bekamen, weil sie reden und aussehen, wie Führungskräfte gewohnheitsmäßig reden und aussehen, aber wir schweifen ab).

Jedenfalls: Seit es Robert & Annalena gibt, ist die Quote verdammt cool. Das liegt auch daran, dass die beiden nicht als Alphatier plus förderungswürdiges Wesen an seiner Seite wahrgenommen werden, sondern als zwei charismatische Personen, die auch ein gutes Paar abgeben würden. Angeblich teilen sie sich ja sogar ein Büro, und niemand würde sich wundern, wenn sie demnächst beim gemeinsamen Weihnachtsmarktbummel fotografiert werden würden. Dank ihnen wollen jetzt jedenfalls alle eine Doppelspitze haben – aber nicht alle Doppelspitzen sind so öffentlichkeitswirksam wie Habeck und Baerbock.

Eine Doppelspitze, so die These, funktioniert dann besonders gut, wenn sich auf die beiden Beteiligten irgendeine Form paarhafter Spannung projizieren lässt. So betrachtet, wirken die neuen SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken eher wie ein Paar, das schon über Trennung nachgedacht hat, aber ein Leben als einfallslose Schnarchgemeinschaft einem Leben allein vorzieht. (Bei ihrer Nominierung blickten sie ziemlich schockiert in die Kameras, als hätten sie nicht damit gerechnet, demnächst Jahre ihres Lebens gemeinsam in der SPD-Zentrale zu verbringen, viel Spaß noch!)

Die süßesten Doppelspitzen haben wir in der Provinz gefunden. Bei den hessischen Grünen wurden jüngst eine gewisse Sigrid Erfurth, 63, und der 36 Jahre jüngere Philip Krämer als Landesvorsitzende gewählt. Auf Fotos sehen sie ein bisschen aus wie ein Problemschüler und seine ehrenamtliche Nachhilfelehrerin, die mit Stolz auf seine positive Entwicklung blickt. Toll!

Super sind auch Franz Schindler, 63, und Carolin Wagner, 37, seit ein paar Tagen gemeinsam an der Spitze der SPD Oberpfalz, Typus jovialer Onkel und Lieblingsnichte oder aber auch lebensfroher Hallodri und ... ach, egal. Wir Gesellschaftskritiker sind schrecklich oberflächlich, schon klar. Das nächste Mal schreiben wir wieder über Politik, versprochen.

Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Die Quote passte beim GRÜNEN-Vorstand, weil Habeck und Baerbock optisch und wesensmäßig recht gut zusammen harmonieren. Bisher.
Daraus lassen sich keinerlei pauschalen Rückschlüsse über die Sinnhaftigkeit einer Quote ziehen. Nur, dass es Sinn machen kann, wenn man das genau dafür passende Personal hat