Feierabend: Hemd oder Jogginghose

© Max Kersting
Ein langer, anstrengender Arbeitstag. Man kommt nach Hause. Zieht man sich dann um? Von und
ZEITmagazin Nr. 52/2019

Auf gar keinen Fall!

Anders als besorgte Eltern und Politiker meinen, kennt mich das Internet sehr schlecht. Ich habe das neulich mal wieder gemerkt, als ein paar Tage lang ständig derselbe Werbeclip einer Puddingfirma in meinem Instagram-Feed auftauchte. In diesem Clip sieht man eine Frau nach der Arbeit nach Hause kommen, mit einem erleichterten Seufzer tritt sie durch die Tür und zieht erst mal ihr Büro-Outfit (Bluse, schwarze Hose, BH) aus. In der nächsten Einstellung liegt sie in Jogginghose auf dem Sofa, isst Pizza, trinkt Rosé, schaut fern und gönnt sich anschließend noch einen Schokoladenpudding. "Wenn du endlich nach Hause kommst und du selbst sein kannst", lautete der Slogan dazu.

Ich gehöre hier definitiv nicht zur Zielgruppe. Abends nach Hause kommen und erst mal in eine Jogginghose steigen – das finde ich würdelos. Das würde ich nie tun, beziehungsweise nie wieder, denn zwei-, dreimal habe ich es tatsächlich ausprobiert, habe nach der Arbeit bequeme Klamotten angezogen und irgendeinen Mist auf Netflix geschaut, bis ich irgendwann zu einem so faulen Häuflein zerflossen war, dass ich es nicht mal mehr schaffte, den Netflix-Mist auszuschalten. An diesen Abenden hatte ich nicht das Gefühl, mir etwas Gutes getan zu haben. Dieser träge Haufen auf dem Sofa sollte "endlich ich selbst" gewesen sein? Na, hoffentlich nicht!

Wenn ich mir morgens eine gute Bluse und eine gute Hose anziehe, dann tue ich das wohl kaum für meine Kollegen – die sind ja eh primär mit sich selbst beschäftigt –, sondern vor allem für mich selbst. Und zwar deshalb, weil ich weiß, dass ich mich darin eleganter und souveräner fühlen werde als in einer Jogginghose. Ich würde sogar behaupten, dass sich jeder Mensch in guter Kleidung eleganter und souveräner fühlen wird. Warum sollte man das nicht den ganzen Tag wollen, einschließlich abends?

Meiner Meinung nach steckt hinter dem abendlichen Umsteigen in die Jogginghose eine Leistungsethik mit fragwürdigem Belohnungssystem: Wenn es dir tagsüber im Büro gelungen ist, dein wahres Ich im Zaum zu halten, dann darfst du dich hinterher mit einer labbrigen Hose und einem überzuckerten Pudding belohnen. Und in den Fernseher darfst du so lange reingucken, bis deine Augen glasig sind, bevor es morgen früh, wenn du zur Arbeit gehst, wieder gilt, all diese niederen Gelüste sicher verstaut in der Wohnung zurückzulassen. Lebe sie aus, solange es geht! Es gibt dafür einen Begriff: "Work-Life-Balance". "Work" soll dabei das sein, wofür man sich zusammenreißen muss, "Life" der Teil, bei dem man sich gehen lassen darf. Ich halte diese Trennung für höchst bedenklich. Wenn man mich fragt, sollte man sein ganzes Leben mit "Life" verbringen. Und dabei nicht so aussehen, als habe der eigene Körper schon mit der Zersetzung begonnen.

Und jetzt bitte nicht das Bequemlichkeitsargument. Ich verstehe ja, wenn eine Kampftaucherin oder ein Feuerwehrmann nach getaner Arbeit die Kleidung wechseln möchten. Und wer vorhat, abends noch einen Rote-Bete-Salat zuzubereiten, dem würde ich immer empfehlen, vorher das weiße Hemd auszuziehen. Aber die meisten Büro-Outfits von heute sind eh schon ziemlich gemütlich. Wenn die einzige körperliche Tätigkeit, die man noch zu erledigen hat, sobald man in diesem Outfit nach Hause kommt, im Bestellen einer Pizza besteht – wozu dann noch das Umziehen? Ich bin stattdessen dafür, das Wort Feierabend wieder ernst zu nehmen. Sie haben heute viel erreicht – feiern Sie sich dafür. Meinetwegen mit einem Glas Wein, aber vor allem in einer richtigen Hose.
(Claire Beermann)

Kommentare

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"Da liegen Sie falsch, Frau Inn-Lisa"

Fr. Beermann beschreibt doch, dass Frau sich für die Pizza, das Hühnchen oder die Nudeln umziehen sollte:
"Und wer vorhat, abends noch einen Rote-Bete-Salat zuzubereiten, dem würde ich immer empfehlen, vorher das weiße Hemd auszuziehen."

Und ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Schuhe abends immer auszieht und sich damit nicht auf das Sofa legt, selbst wenn Sie, wie ich annehme, keine HHs, nicht einmal Pumps trägt.