Helena Hauff: "Ich war davon überzeugt, dass ich nun leider kein Abi habe"

© Sven Jacobsen
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 52/2019

Durch meinen Job als DJ ist mein Schlafrhythmus völlig zerstört worden. Ich lebe jenseits aller Zeitzonen, weshalb ich auch nie einen Jetlag habe, wenn ich in der weiten Welt unterwegs bin. Meistens schlafe ich tagsüber und bin nachts wach. Daran gewöhnt man sich ganz gut. Anstrengend wird es nur, wenn ich frühmorgens einen Flug kriegen muss. Neulich träumte ich davon, dass ich nicht einschlafen kann – wovon ich dann aufgewacht bin.

Vor einigen Jahren hatte ich immer wieder den Traum, dass ich ein Jahr vor dem Abitur die Schule verlasse und abhaue, weil ich keine Lust mehr habe. Das war ein unangenehmer Traum. Beim ersten Mal wachte ich auf und war davon überzeugt, dass ich nun leider kein Abi habe. Dabei habe ich ein Abi, sogar ein sehr gutes! Ich stand schon unter der Dusche und überlegte, was ich denn nun ohne Abi so machen soll, als mir dämmerte, dass das alles doch gar nicht wahr ist.

Ich weiß, woher der Traum kommt, denn ich habe drei Studiengänge geschmissen: Kunst, Physik und Musikwissenschaft. Weder in der Schule noch an der Uni habe ich etwas gelernt, das ich in meinem Beruf oder überhaupt in meinem Leben gebrauchen könnte. Gar nichts, mal abgesehen von Englisch, das ich mir aber eher durch meine vielen Reisen als in der Schule angeeignet habe. Eigentlich hätte ich also auch schon nach der vierten Klasse anfangen können, im Golden Pudel Club als DJ zu arbeiten. Dann wäre ich genau da, wo ich heute bin.

Vor zehn Jahren habe ich zum ersten Mal Platten aufgelegt. Das war in einer kleinen Bar im Hamburger Schanzenviertel, und es hat nicht wirklich gut geklappt: Der Sound war schlecht, der Laden leer, und ich habe vor Nervosität gezittert. Ein paar Monate später fragte ich trotzdem einfach im Golden Pudel Club, ob ich auflegen dürfte, und habe die Chance bekommen. Wieder war ich nervös, wieder war es leer, aber danach lief es langsam besser.

Ebenfalls vor zehn Jahren hatte ich den Abi-Traum zum ersten Mal, und ich konnte nicht voraussehen, dass ich einmal vom Plattenauflegen leben können würde. Natürlich weiß ich nicht, wie lange das so weitergeht. Vermutlich habe ich diese Ängste im Traum verarbeitet – also das Risiko, etwas zu machen, das auch nach hinten losgehen kann.

Später, als ich merkte, dass ich als DJ genug verdiente, um ohne Nebenjobs meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, wurde für mich ein Traum wahr. Ende 2013 habe ich meine letzte Schicht am Tresen im Pudel gemacht. Damals habe ich auch meine erste eigene Platte veröffentlicht und wurde danach immer öfter als DJ gebucht. Bis heute mache ich meine eigene Musik, aber das Auflegen ist mir viel wichtiger, weil ich die direkte Begegnung mit dem Publikum lieber mag, als allein im Studio herumzusitzen. Wenn ich auflege, bin ich oft unter Strom. Wenn ich dann fertig bin, bin ich oft so durch, dass ich einfach nur noch schlafen möchte. Direkt nach dem Auflegen bin ich meistens glücklich und schlafe dann auch am besten.

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