Lederhose: Starke Bindung

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 52/2019

In einer wunderbaren Szene der US-Comedyserie Friends kuschelt der Protagonist Ross mit einem Date auf dem Sofa. Als ihm dabei sehr heiß wird – er trägt eine schwarze Lederhose –, entschuldigt er sich kurz und flieht ins Bad, um die Beine zu lüften. Danach kommt er jedoch in die Hose nicht mehr hinein. Sie ist offenbar so eng wie eine zweite Haut, und eine solche Hose anzuziehen fällt manchmal schwer. So versinkt Ross in Verzweiflung, während draußen sein Date nervös an die Tür klopft. Ross verlässt das Bad schließlich ohne Hose.

Solche Szenen aus den Neunzigerjahren könnten sich nun wiederholen, denn die Lederhose ist wieder da: in Nachtblau bei Hermès und in Kakaobraun bei Dior Men, als schmale Röhre bei Alexander McQueen, im Biker-Look bei Bottega Veneta und geschnitten wie eine Anzughose bei Brioni.

Dass die Lederhose so einhellig in der Mode reüssiert, ist verblüffend, denn ursprünglich waren Lederhosen derbe Kleidung für Menschen, die anderes zu tun hatten, als feine Stöffchen zu tragen. In den Fünfzigerjahren gehörte die Hose aus schwarzem Nappaleder mit Metallnieten zum Look der sogenannten Halbstarken. Ihre Tracht bestand aus schwarzer Lederjacke, Röhren-Lederhose und schwarzem Hemd. In den Sechzigerjahren war die Lederhose dann ein Merkmal der Rockerbewegung und später der Punks. Immer mit der Botschaft: Hier ist jemand, der Wichtigeres zu tun hat, als seine Hose zu waschen. Denn Lederhosen galten als umso ansehnlicher, je speckiger sie wurden.

Schon Goethe war übrigens ein Lederhosen-Rebell. Er führte die sogenannte Werthertracht am Weimarer Hof ein: blauer Frack, gelbe Weste, englische Reithose aus gelbem Leder. So war sein tragischer Romanheld Werther gekleidet – und wurde bald zum modischen Vorbild einer Generation der Stürmer und Dränger.

Vielleicht befinden wir uns also erneut am Anfang einer Ära der Rebellen und Widerborstigen? Es wäre wünschenswert. Denn die Lederhose ist – wenn man moralisch darüber hinwegkommt, dass sie aus der Haut eines Tieres besteht – die nachhaltigste Hose überhaupt. Sie ist kaum kaputtzubekommen und hält ewig. Man muss sich eigentlich nie wieder eine Hose kaufen. Etwas Besseres kann man als umweltbewusster Träger von Kleidung kaum tun. Bleibt zu befürchten, dass die Kunden von Bottega Veneta und Dior Men nächste Saison trotzdem wieder neue Hosen tragen werden. Vor allem, wenn sie in fremden Badezimmern nicht mehr in ihre Lederhosen kommen.

Foto: Peter Langer / Nicht nur für Rocker: Lederhose von Brioni

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