Erziehung: "Keine Ahnung, wo der Laptop ist"

© Aline Zalko
Von
Aus der Serie: Prüfers Töchter ZEITmagazin Nr. 52/2019

Ich habe neulich meinen Laptop gesucht, ich habe ihn nicht in meinem Arbeitszimmer gefunden und auch nicht im Wohnzimmer. Ich war ziemlich verzweifelt, weil ich meine Computer eigentlich immer an denselben Orten verwende. Ich fragte Greta. "Keine Ahnung, wo der Laptop ist", sagte sie. Dann fand ich ihn doch. Und zwar eingegraben unter der Schmutzwäsche im Bad. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn dort nicht gelassen habe. Ich pflege nämlich weder meinen Laptop ins Badezimmer zu schleppen, noch ihn bei 30 Grad waschen zu wollen. Wieder fragte ich Greta. Aber Greta sagte: "Ich steck doch keinen Computer in die Wäsche!" Sie sagte das in einem Ton, als ob es schon eine ziemlich absurde Frage sei.

Ich habe aber einen Verdacht. Denn als ich meinen Computer wieder anschaltete, war dort ein YouTube-Video von Austin Mahone zu sehen. Ich vermute: Eine unserer Töchter hat sich meinen Laptop geborgt, um damit beim Duschen Musik zu hören. Aus irgendeinem Grund war aber der Rückweg versperrt, vielleicht stand ich vor dem Bad und pochte wie jeden Morgen verzweifelt um Einlass. Möglicherweise wurde daher also der Laptop schnell entsorgt. Warum jedoch sollte ein Kind das tun? Natürlich um die beschränkten Medienkonsumzeiten zu umgehen. Auf den Smartphones ist nur eine begrenzte Zeit zugelassen. Danach sind die Apps gesperrt, auch YouTube und Spotify. Folglich nutzen unsere Kinder alle möglichen Wege, um diese Medien-Prohibition zu umgehen. Auch wenn dabei mal ein Laptop zwischen den alten Unterhosen landet.

Im Internet habe ich gelesen, dass es mittlerweile eine richtige Kinderhacker-Szene gibt, die versucht, die ihr auferlegten Internetsperren auszuhebeln. Ich las von Achtjährigen, die die Kamera-App so manipulieren, dass man damit unbemerkt von elterlicher Kontrolle im Netz surfen kann. Es scheint auch zu helfen, gesperrte Apps zu löschen und neu zu laden. Eine 15-Jährige in den USA soll, nachdem ihr Handy konfisziert worden war, die Social-Media-Funktion des elterlichen Kühlschranks genutzt haben, um weiterzutwittern. Das ganze Netz ist voll von Eltern, die beklagen, wie ihre Kinder durch die Schlupflöcher des medialen Stacheldrahts kriechen. Eltern werden also hintergangen. Wahrscheinlich sollte ich künftig nicht nur meinen Laptop, sondern auch das iPad verstecken.

Aber stelle ich mir so unseren Alltag vor? Als ewiges Räuber-und-Gendarm-Spiel? Erziehen wir die Kinder zu Verbrechern? Als ich ein Kind war, wollte mein Vater verhindern, dass ich zur Schlafenszeit noch stundenlang Hörspiele der Drei ??? auf dem Kassettenrekorder höre. Der Kassettenrekorder war das Smartphone der Achtzigerjahre. Mein Vater nahm das Netzkabel mit. Ich fand ein Ersatzkabel im Keller. Mein Vater drehte die Sicherung fürs Kinderzimmer heraus. Ich nahm die Batterien aus seiner Taschenlampe und steckte sie in den Rekorder. Bei allem hatte ich überhaupt kein Unrechtsbewusstsein. Ich hatte meine Interessen, er seine. Und ich hatte Spaß.

Ich frage mich manchmal, was der verstorbene dänische Superpädagoge Jesper Juul sagen würde. Er würde wohl raten, das Gespräch mit den Töchtern zu suchen und bei ihnen die Einsicht zu fördern, zum eigenen Wohl weniger im Netz unterwegs zu sein. Und auf Kontrollen zu verzichten. Aber gleichzeitig, meine ich, sollte es auch klitzekleine Kriegsschauplätze in Familien geben. Als Nächstes prüfe ich, ob die Mikrowelle eine heimliche Internetverbindung hat.

Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Gut um die Ecke gedacht! Aber warum haben Sie die Disketten nicht einfach kopiert?