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Philippe Cohen Solal: "Ich stürzte ins Wasser und erlitt einen dreifachen Armbruch"

Als der Musiker um sein Leben kämpfte, gab ihm die Geschichte einer Rettung Hoffnung. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 52/2019

ZEITmagazin: Herr Cohen Solal, Sie haben Musik für Filme und Werbung gemacht und mit Ihrer Band Gotan Project vor 20 Jahren ein neues Musikgenre geschaffen, den Electrotango, beides sehr erfolgreich. Gab es in Ihrem Leben auch Krisen?

Philippe Cohen Solal: O ja. Meine Plattenfirma hat mich 1989 gefeuert, weil ich keine Hits liefern konnte. Nach dem Rauswurf fing ich mit einer Psychoanalyse an, die bis heute andauert. Ich fühlte mich unglücklich und gedemütigt. Ich sagte mir, warum soll ich überhaupt Musik machen, ich werde nie mit Prince oder David Bowie mithalten können. Mein Therapeut meinte: Da haben Sie recht, aber Sie können Philippe Cohen Solal sein und Ihr eigenes Ding durchziehen.

ZEITmagazin: Hat Ihnen das geholfen?

Cohen Solal: Sein Rat war goldrichtig und simpel: Ich muss ich selbst sein. Aber vor zwei Jahren hatte ich einen Unfall, der eine wirkliche Bedrohung und ein Wendepunkt wurde.

ZEITmagazin: Erzählen Sie.

Cohen Solal: Weihnachten 2017 besuchten meine Familie und ich Verwandte in Schweden. Am 26. Dezember kam meine Frau vom Joggen zurück und meinte: Geh auch laufen, es wird dir guttun – also zog ich meine Laufschuhe an und rannte los. Ich nahm die gleiche Strecke wie immer. Es regnete und war sehr windig. Ich lief gerade über eine kleine Brücke am Meer, als mitten auf der Brücke die Holzplanken unter meinen Füßen einbrachen. Ich stürzte ins Wasser und erlitt einen dreifachen Armbruch.

ZEITmagazin: Haben Sie um Hilfe gerufen?

Cohen Solal: Da war kein Mensch weit und breit. Das Wasser war eiskalt, und ich konnte das Ufer mit dem kaputten Arm nicht hochklettern, es war zu steil. Irgendwie gelang es mir, ein Seil zu packen, das von der Brücke hing. Ich stemmte meine Beine gegen einen Holzpfosten und schrie laut "Hilfe!" und auf Französisch "Ich will hier nicht sterben!". Ich rief nach meiner Mutter, die ein paar Monate zuvor verstorben war: "Maman, maman!" So hing ich 20 Minuten lang im eisigen Wasser.

ZEITmagazin: Was ging Ihnen durch den Kopf?

Cohen Solal: Ich verlor die Hoffnung. Ich dachte, meine Frau wird mich niemals finden – lass es sein und kämpf nicht weiter. Ich war verzweifelt. Dann erinnerte ich mich an einen kurzen Film, den ich am Abend zuvor angeschaut hatte. Es ging um eine ältere Frau und ihre Zwillingsschwester, die Mengeles Experimente in Auschwitz überlebt hatten. Beide wurden von ihm mit dem Typhus-Virus infiziert und in verschiedene Baracken gesteckt, um zu sehen, wer als Erstes stirbt. Die Frau erzählte, wie sie über den Boden kroch und sich immer wieder sagte: Ich muss überleben. Ihr einziges Ziel war, ihre Schwester wiederzusehen, was auch geschah. Ich dachte, wenn sie es geschafft hat, zu überleben, dann muss ich das auch schaffen. Ihre Geschichte gab mir Kraft.

ZEITmagazin: Wie wurden Sie gerettet?

Cohen Solal: In etwa hundert Meter Entfernung stand ein Haus. Eine Frau dort hörte mich, dachte aber erst, das sei ein Hund oder eine Möwe. Doch als die Laute nicht aufhörten, ging sie raus, um nachzusehen. Sie fand mich und rief einen Krankenwagen. Sie selbst schaffte es nicht, mich rauszuziehen.

ZEITmagazin: Wie lange mussten Sie durchhalten?

Cohen Solal: Zehn Minuten nach dem Anruf kam Hilfe. Ein Mann versuchte, mich ans Ufer ziehen, aber die rutschigen Steine hinderten ihn daran. Mein Körper wurde immer müder. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass irgendwelche Arme mich aus dem Wasser zogen. Nach 50 Minuten im eisigen Wasser war mein Körper komplett unterkühlt. Ich fühlte mich, als wäre ich in einem schwarzen Tunnel. Ich dachte, ich sterbe.

ZEITmagazin: Wie haben Sie dieses Drama überlebt?

Cohen Solal: Den Ärzten gelang es im Krankenwagen nicht, mir eine Infusion zu geben, da sie meine Venen nicht punktieren konnten. Also gaben sie mir die Infusion direkt in die Knochen. Die Ärzte in Schweden wissen, wie man mit Unterkühlung umgeht – das hat mir das Leben gerettet. Als ich eine Stunde später im Krankenhaus ankam, war mein Körper mit 32 Grad immer noch total unterkühlt. Als ich endlich die Intensivstation verlassen konnte, hatte ich nur noch eines im Kopf: "Abschnitt zwei."

ZEITmagazin: Im Sinne eines zweiten Lebensabschnitts?

Cohen Solal: Ja, es war wie ein Neustart. Ich bin seitdem viel empathischer. Ich will mich nicht mehr ärgern. Alles, was ich je bedauert habe, war mit einem Mal weg. Mir ist bewusst geworden, wie wertvoll meine Familie ist, wertvoller noch als die Musik. Ich habe mehr Angst vor Unfällen, aber weniger Angst vor allem anderen. Ich wusste, dass ich ein Kämpfer bin, aber nicht in dem Ausmaß. Der Unfall hat mir Selbstsicherheit gegeben. Ich habe damals für meine Kinder gekämpft und auch für die ältere Dame mit ihrer Überlebensgeschichte. Ich habe ihr später eine Nachricht geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Ich wollte ihr unbedingt erklären, dass sie mein Leben gerettet hat, indem sie mir Hoffnung und Stärke gegeben hat, durchzuhalten.

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