© Cassidy Araiza

Grenzmauer zu Mexiko: "Bring mir, was Du kannst"

Ein Mädchen aus Mexiko schreibt seinen Wunschzettel für Weihnachten und bindet ihn an einen Luftballon. Den trägt der Wind bis in die USA. Ein Amerikaner findet ihn – und wird zum Gehilfen des Weihnachtsmanns. Von
ZEITmagazin Nr. 53/2019

Angenommen, das wäre die erste Szene für einen Weihnachtsfilm: Ein kleines Mädchen steht vor einem Haus und hält an einer Schnur einen roten Luftballon fest. Sie hat an den Weihnachtsmann geschrieben, den Zettel mit ihren Wünschen hat sie unten an die Schnur des Ballons geknotet. Dann lässt das Mädchen los. Schwenk auf den Ballon, wie er in den Himmel steigt, hoch und höher. Schwenk auf das Mädchen, wie es dem Ballon hinterherschaut und lächelt. Schnitt. Wie könnte der Film weitergehen?

Randy

Von seinem Haus in Patagonia braucht Randy Heiss nur ein paar Minuten, um in der kargen Wildnis Arizonas zu sein. Am Morgen des 16. Dezember 2018, so erinnert er sich, es ist ein Sonntag, verlässt er das Haus zwischen sieben und acht Uhr, um mit seinem Hund Feliz spazieren zu gehen. Randy, 61 Jahre alt, ein großer Mann mit verstrubbelten grauen Haaren, kennt in dieser Ecke jeden Weg, er lebt hier seit mehr als 20 Jahren mit seiner Frau Marcella.

Patagonia hat knapp 900 Einwohner. Eine Post, ein Hotel, ein paar Restaurants. Kommen Touristen, dann wegen der Natur. Auf der rötlich-braunen Erde der Hochwüste wachsen kleine Bäume und Sträucher, die big sacaton heißen, "großes Gras"; je trockener es ist, desto mehr sieht es wie Stroh aus. Randy ist etwa 20 Minuten unterwegs, als er inmitten der strohigen Halme eines Strauches etwas Knallrotes sieht. Müll, denkt er. Als er näher kommt, erkennt er einen zerplatzten Luftballon, an dessen Schnur etwas hängt: ein Zettel. Als Kind hat er selbst manchmal Nachrichten an Luftballons gehängt und sie fliegen lassen, darauf die Bitte: "Wenn Sie diesen Luftballon finden, antworten Sie bitte an folgende Adresse." Nie hat jemand geantwortet. Er klaubt den kaputten Luftballon aus dem Strauch. Auf dem zusammengefalteten Zettel ist eine große Schleife gemalt. "Daxami", liest Randy oben links in der Ecke. Er faltet das Papier auseinander. Es ist eine herausgerissene Seite aus einem Heft, darauf eine Liste, in krakeliger Kinderschrift:

1 Enchontimos

2 Casa Enchontimos

3 Ropa

4 Makina de divujar

5 Lilro de divujar con marcardor majico

6 Eslaim

7 Escrisis

8 Escrichis

9 Jachyman

10 Pinturas

11 Pok Pik

Mittendrin ein Satz: "Tramelo que tu puedas."

Ganz oben auf der Wunschliste: Püppchen. Weiter unten: Ein Malbuch und Schleim © Cassidy Araiza

Randy versteht genug Spanisch, um zu erkennen: Er hat den Weihnachts-Wunschzettel eines Kindes gefunden, von einem Mädchen, nimmt er an. Aber es steht keine Adresse auf dem Papier, keine Straße, keine Stadt, keine Telefonnummer, nicht mal ein Nachname, nur der Vorname: Daxami.

Er nimmt den kaputten Ballon und die Liste mit nach Hause. Seine Frau Marcella spricht fließend Spanisch. Alles kann auch sie nicht übersetzen, weil einige Wörter falsch geschrieben sind, aber einiges versteht sie: ein Malbuch, Kleidung, Schleim und, auf Platz eins und zwei: Spielpüppchen namens Enchantimals und das Enchantimals-Haus. Randy rührt der spanische Satz, den das Mädchen offensichtlich an den Weihnachtsmann richtet und der korrekt "Tráeme lo que puedas" – "Bring mir, was Du kannst" – heißt.

Wäre es nicht toll, wenn wir dieses Mädchen finden und ihm seine Wünsche erfüllen?, fragt Randy. Marcella Heiss ruft bei der Post von Patagonia und in den Schulen an. Niemand kennt ein Mädchen mit dem Namen Daxami.

Und wenn der Ballon aus Nogales, der nächstgelegenen Stadt in Arizona, hergeflogen wäre? Dort leben überwiegend Hispanics. Randy schreibt auf Facebook eine Nachricht an die Lokalzeitung – keine Rückmeldung. Er schreibt auch eine Nachricht an den Radiosender – keine Rückmeldung. Montag nicht, Dienstag auch nicht. Andere hätten an dieser Stelle vielleicht aufgegeben. Randy nicht. Was, überlegt er, wenn der Ballon über die Grenze geflogen wäre?

Im Süden von Nogales steht ein Zaun, der so aussieht wie das, was Donald Trump für die gesamte Grenze vorschwebt: rotbraune Stahlpfeiler, mehrere Meter hoch. Sie teilen Nogales, Arizona, USA, von Nogales, Sonora, Mexiko. Das amerikanische Nogales hat 20.000 Einwohner. Auf der anderen Seite der Grenze aber, im mexikanischen Nogales, leben mehrere Hunderttausend Menschen. Am Mittwochmorgen, es ist inzwischen der 19. Dezember, schreibt Randy eine Nachricht an eine Radiostation im mexikanischen Nogales: an Radio Xeny. "Ich kann nicht besonders gut Spanisch, aber ich brauche Hilfe." Es wird eine lange Nachricht. Um 11.46 Uhr schickt er sie ab.

César Barrón arbeitet seit über zehn Jahren bei Radio Xeny, fünf Minuten zu Fuß entfernt von der Grenze. Er ist Polizeireporter. Kriminalität, Unfälle, Drogenschmuggel, das sind seine Themen. Radio Xeny pflegt engen Kontakt zu seinen Hörern, immer wieder melden sich Menschen auf der Suche nach Hilfe. "Hola, Randy", antwortet César Barrón um kurz vor eins auf Randys Nachricht. Sie schreiben hin und her, Randy schickt ihm ein Foto der Liste. César Barrón erkennt, dass das "x" in Daxami ein "y" sein muss, denn es gibt den Mädchennamen Dayami. Um 19.35 Uhr postet er auf der Facebook-Seite des Radiosenders: "Ayúdenos a encontrar a una niña de nombre Dayami" – "Hilf uns, ein Mädchen mit dem Namen Dayami zu finden".

Am nächsten Tag, es ist Donnerstag, der 20. Dezember, wacht Randy früh auf. Er sieht, dass César Barrón ihm spät am Abend noch geschrieben hat. "Sind Sie wach?", steht da nur. "Jetzt bin ich wach", schreibt Randy. César Barrón schickt ein Foto. Vier Kinder mit Ballons. Um das zweite Kind von rechts ist ein blauer Kringel gezogen. Randy kann es kaum glauben. "Wow. Du hast sie gefunden!"

Randy Heiss sagt, ihm sei es nur darum gegangen, das Mädchen zu finden, das den Ballon losgeschickt hat. Völlig egal, auf welcher Seite der Grenze es lebt. Aber dass die Geschichte in den USA Schlagzeilen machen wird, dass sie inzwischen ein Drehbuchautor für Hollywood aufschreiben will und es gerade um die Bedingungen für einen Film geht, um Exklusivität, um Geld, und auch dass diese Geschichte jetzt hier steht, hängt damit zusammen, dass der Ballon nicht nur von einem Ort in den USA zu einem anderen flog, sondern über jene Grenze, an der Donald Trump eine Mauer bauen lassen will: the wall. Einen gewaltigen Schutzwall, der die bad hombres, die Kriminellen, die Drogenschmuggler, die illegalen Einwanderer, fernhalten soll. Der nicht nur die Länder trennt, sondern auch die Menschen. Wir hier, ihr dort. Wofür der eine Teil der US-Amerikaner seinen Präsidenten feiert, während der andere Teil an ihm verzweifelt.

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