© Cassidy Araiza

Grenzmauer zu Mexiko: "Bring mir, was Du kannst"

Ein Mädchen aus Mexiko schreibt seinen Wunschzettel für Weihnachten und bindet ihn an einen Luftballon. Den trägt der Wind bis in die USA. Ein Amerikaner findet ihn – und wird zum Gehilfen des Weihnachtsmanns. Von
ZEITmagazin Nr. 53/2019

Angenommen, das wäre die erste Szene für einen Weihnachtsfilm: Ein kleines Mädchen steht vor einem Haus und hält an einer Schnur einen roten Luftballon fest. Sie hat an den Weihnachtsmann geschrieben, den Zettel mit ihren Wünschen hat sie unten an die Schnur des Ballons geknotet. Dann lässt das Mädchen los. Schwenk auf den Ballon, wie er in den Himmel steigt, hoch und höher. Schwenk auf das Mädchen, wie es dem Ballon hinterherschaut und lächelt. Schnitt. Wie könnte der Film weitergehen?

Randy

Von seinem Haus in Patagonia braucht Randy Heiss nur ein paar Minuten, um in der kargen Wildnis Arizonas zu sein. Am Morgen des 16. Dezember 2018, so erinnert er sich, es ist ein Sonntag, verlässt er das Haus zwischen sieben und acht Uhr, um mit seinem Hund Feliz spazieren zu gehen. Randy, 61 Jahre alt, ein großer Mann mit verstrubbelten grauen Haaren, kennt in dieser Ecke jeden Weg, er lebt hier seit mehr als 20 Jahren mit seiner Frau Marcella.

Patagonia hat knapp 900 Einwohner. Eine Post, ein Hotel, ein paar Restaurants. Kommen Touristen, dann wegen der Natur. Auf der rötlich-braunen Erde der Hochwüste wachsen kleine Bäume und Sträucher, die big sacaton heißen, "großes Gras"; je trockener es ist, desto mehr sieht es wie Stroh aus. Randy ist etwa 20 Minuten unterwegs, als er inmitten der strohigen Halme eines Strauches etwas Knallrotes sieht. Müll, denkt er. Als er näher kommt, erkennt er einen zerplatzten Luftballon, an dessen Schnur etwas hängt: ein Zettel. Als Kind hat er selbst manchmal Nachrichten an Luftballons gehängt und sie fliegen lassen, darauf die Bitte: "Wenn Sie diesen Luftballon finden, antworten Sie bitte an folgende Adresse." Nie hat jemand geantwortet. Er klaubt den kaputten Luftballon aus dem Strauch. Auf dem zusammengefalteten Zettel ist eine große Schleife gemalt. "Daxami", liest Randy oben links in der Ecke. Er faltet das Papier auseinander. Es ist eine herausgerissene Seite aus einem Heft, darauf eine Liste, in krakeliger Kinderschrift:

1 Enchontimos

2 Casa Enchontimos

3 Ropa

4 Makina de divujar

5 Lilro de divujar con marcardor majico

6 Eslaim

7 Escrisis

8 Escrichis

9 Jachyman

10 Pinturas

11 Pok Pik

Mittendrin ein Satz: "Tramelo que tu puedas."

Ganz oben auf der Wunschliste: Püppchen. Weiter unten: Ein Malbuch und Schleim © Cassidy Araiza

Randy versteht genug Spanisch, um zu erkennen: Er hat den Weihnachts-Wunschzettel eines Kindes gefunden, von einem Mädchen, nimmt er an. Aber es steht keine Adresse auf dem Papier, keine Straße, keine Stadt, keine Telefonnummer, nicht mal ein Nachname, nur der Vorname: Daxami.

Er nimmt den kaputten Ballon und die Liste mit nach Hause. Seine Frau Marcella spricht fließend Spanisch. Alles kann auch sie nicht übersetzen, weil einige Wörter falsch geschrieben sind, aber einiges versteht sie: ein Malbuch, Kleidung, Schleim und, auf Platz eins und zwei: Spielpüppchen namens Enchantimals und das Enchantimals-Haus. Randy rührt der spanische Satz, den das Mädchen offensichtlich an den Weihnachtsmann richtet und der korrekt "Tráeme lo que puedas" – "Bring mir, was Du kannst" – heißt.

Wäre es nicht toll, wenn wir dieses Mädchen finden und ihm seine Wünsche erfüllen?, fragt Randy. Marcella Heiss ruft bei der Post von Patagonia und in den Schulen an. Niemand kennt ein Mädchen mit dem Namen Daxami.

Und wenn der Ballon aus Nogales, der nächstgelegenen Stadt in Arizona, hergeflogen wäre? Dort leben überwiegend Hispanics. Randy schreibt auf Facebook eine Nachricht an die Lokalzeitung – keine Rückmeldung. Er schreibt auch eine Nachricht an den Radiosender – keine Rückmeldung. Montag nicht, Dienstag auch nicht. Andere hätten an dieser Stelle vielleicht aufgegeben. Randy nicht. Was, überlegt er, wenn der Ballon über die Grenze geflogen wäre?

Im Süden von Nogales steht ein Zaun, der so aussieht wie das, was Donald Trump für die gesamte Grenze vorschwebt: rotbraune Stahlpfeiler, mehrere Meter hoch. Sie teilen Nogales, Arizona, USA, von Nogales, Sonora, Mexiko. Das amerikanische Nogales hat 20.000 Einwohner. Auf der anderen Seite der Grenze aber, im mexikanischen Nogales, leben mehrere Hunderttausend Menschen. Am Mittwochmorgen, es ist inzwischen der 19. Dezember, schreibt Randy eine Nachricht an eine Radiostation im mexikanischen Nogales: an Radio Xeny. "Ich kann nicht besonders gut Spanisch, aber ich brauche Hilfe." Es wird eine lange Nachricht. Um 11.46 Uhr schickt er sie ab.

César Barrón arbeitet seit über zehn Jahren bei Radio Xeny, fünf Minuten zu Fuß entfernt von der Grenze. Er ist Polizeireporter. Kriminalität, Unfälle, Drogenschmuggel, das sind seine Themen. Radio Xeny pflegt engen Kontakt zu seinen Hörern, immer wieder melden sich Menschen auf der Suche nach Hilfe. "Hola, Randy", antwortet César Barrón um kurz vor eins auf Randys Nachricht. Sie schreiben hin und her, Randy schickt ihm ein Foto der Liste. César Barrón erkennt, dass das "x" in Daxami ein "y" sein muss, denn es gibt den Mädchennamen Dayami. Um 19.35 Uhr postet er auf der Facebook-Seite des Radiosenders: "Ayúdenos a encontrar a una niña de nombre Dayami" – "Hilf uns, ein Mädchen mit dem Namen Dayami zu finden".

Am nächsten Tag, es ist Donnerstag, der 20. Dezember, wacht Randy früh auf. Er sieht, dass César Barrón ihm spät am Abend noch geschrieben hat. "Sind Sie wach?", steht da nur. "Jetzt bin ich wach", schreibt Randy. César Barrón schickt ein Foto. Vier Kinder mit Ballons. Um das zweite Kind von rechts ist ein blauer Kringel gezogen. Randy kann es kaum glauben. "Wow. Du hast sie gefunden!"

Randy Heiss sagt, ihm sei es nur darum gegangen, das Mädchen zu finden, das den Ballon losgeschickt hat. Völlig egal, auf welcher Seite der Grenze es lebt. Aber dass die Geschichte in den USA Schlagzeilen machen wird, dass sie inzwischen ein Drehbuchautor für Hollywood aufschreiben will und es gerade um die Bedingungen für einen Film geht, um Exklusivität, um Geld, und auch dass diese Geschichte jetzt hier steht, hängt damit zusammen, dass der Ballon nicht nur von einem Ort in den USA zu einem anderen flog, sondern über jene Grenze, an der Donald Trump eine Mauer bauen lassen will: the wall. Einen gewaltigen Schutzwall, der die bad hombres, die Kriminellen, die Drogenschmuggler, die illegalen Einwanderer, fernhalten soll. Der nicht nur die Länder trennt, sondern auch die Menschen. Wir hier, ihr dort. Wofür der eine Teil der US-Amerikaner seinen Präsidenten feiert, während der andere Teil an ihm verzweifelt.

Randy Heiss an der Stelle, wo er vor einem Jahr etwas Rotes in einem Strauch hängen sah. Inzwischen nennt er den Pfad in der Hochwüste von Arizona "Milagro Trail" – "Weg der Wunder". © Cassidy Araiza

Der rote Ballon ist einfach über all das hinweggeflogen, hat sich vom Wind über den meterhohen Zaun aus rotbraunen Stahlpfeilern tragen lassen, über die Stacheldrahtrollen, die amerikanische Soldaten in Tarnfleck gerade erst an ihm angebracht haben, um die Grenze noch besser abzuschotten.

Dayami

Ein Freund hatte Dayamis Vater auf den Post des Radiosenders aufmerksam gemacht: Das sei doch seine Tochter. Dayamis Vater rief im Sender an. César Barrón fragte ihn, welche Farbe der Ballon hatte und was auf der Liste stand. Dayamis Vater hatte etwas noch Besseres: Er schickte das Foto. Es gibt sogar ein verwackeltes Handyvideo davon, wie Dayami, acht Jahre alt, am Nachmittag des 15. Dezember vor dem Haus ihrer Uroma steht, neben ihr ihre kleine Schwester Ximena und ihre zwei Cousins. Alle halten einen mit Helium gefüllten Ballon, daran ein Wunschzettel, wie jedes Jahr, es ist eine Familientradition. "Uno, dos, tres", ruft jemand, dann lassen die Kinder die Schnüre los, und die Handykamera schwenkt in den Himmel, filmt, wie vier Ballons, drei rote und ein grüner, in die Luft steigen, hoch und höher, schwenkt auf Dayami, wie sie ihrem Ballon hinterherschaut und lächelt.

César Barrón lädt die mexikanische Familie in die Radiostation ein, noch am selben Tag, um zwölf Uhr mittags. Ob Randy und Marcella auch kommen wollen, fragt er.

Natürlich wollen sie. Randy arbeitet in einer Behörde und hat dort flexible Arbeitszeiten, und so ist es kein Problem, dass die Einladung seinen Tag durcheinanderwirbelt. Aber die Geschenke! Randy und Marcella erinnern sich später, wie sie hektisch losfahren, knapp 30 Minuten sind es von Patagonia mit dem Auto ins amerikanische Nogales, dort gibt es einen riesigen Walmart. Vier Tage vor Weihnachten ist er überfüllt mit Menschen. Sie verstopfen mit ihren Einkaufswagen die Gänge, durch die Randy und Marcella auf der Suche nach der Spielwarenabteilung eilen. Das meiste von Dayamis Wunschzettel finden sie. Die Schlangen an den Kassen sind lang, das schaffen wir nicht, denken sie, aber dann öffnet direkt vor ihnen eine neue Kasse. Weiter, zur Grenze, ihr Auto abstellen. Sie wollen den Fußgängerübergang nehmen, das geht am schnellsten. Der Parkplatz ist voll, aber dann fährt direkt vor ihnen ein Wagen aus der Lücke. Randy und Marcella haben das Gefühl, dass ein kleines Wunder nach dem anderen passiert.

To Mexico steht über der Drehtür, die in ein Gebäude führt, drinnen müssen Randy und Marcella nur ihre Taschen aufs Band legen und durch einen Scanner schieben, wie im Flughafen. Wäre ein mexikanisches Paar auf dem Weg, einem amerikanischen Kind seine Wünsche zu erfüllen, würde es das nicht pünktlich schaffen: Auf der anderen Seite gibt es lange Schlangen und strenge Grenzbeamte mit vielen Fragen. Bis zwölf Uhr sind es nur noch 20 Minuten. Sie eilen vorbei an den Wechselstuben, die Dollar in Peso tauschen, vorbei an Apotheken, in denen Amerikaner ihre Medikamente kaufen, weil sie hier billiger sind, vorbei an vielen Zahnarztpraxen, wo Amerikaner sich günstig behandeln lassen, und biegen in die Avenida Álvaro Obregón ein.

"Xeny AM" steht über einer breiten Glastür, im zweiten Stock führt César Barrón sie in einen Raum, in dem sie die Geschenke in einer Ecke aufstellen können. Dann ist es so weit. Schüchtern drückt Dayami sich durch die Tür, César Barrón filmt. Auf dem Video sieht man, wie Marcella sich hinkniet und das Mädchen auf Spanisch fragt: "Wie heißt du?" – "Dayami", antwortet Dayami leise, hinter ihr kommt ihre vierjährige Schwester Ximena durch die Tür.

"Guck mal", sagt Marcella. "Er hat deinen Ballon gefunden. Er heißt Randy. Der Ballon ist in einem anderen Land gelandet. Weißt du das?" – "Ich hab ihn an den Weihnachtsmann geschickt", sagt Dayami. "Er bat uns, ihm zu helfen", sagt Marcella. "Wir sind Helfer des Weihnachtsmanns." Dann steht Dayami mit seligem Kinderlächeln vor den Geschenken. Einen Plüschhasen und einen kleinen Teddy bekommen die Mädchen sofort, die verpackten Geschenke werden ihre Eltern mit nach Hause nehmen, Weihnachten ist schließlich erst in vier Tagen. Ein paar Fotos, ein paar Sätze mit den Eltern, dann ist das Treffen auch schon vorbei, und Randy und Marcella laufen zurück an die Grenze, um wieder auf die andere Seite des Zauns zu kommen, in die USA. Sie stehen fast vier Stunden in der Schlange.

Randy und Marcella werden sich später an das gute Gefühl erinnern, ein Kind beschenkt zu haben. Ist das nicht der Sinn von Weihnachten? Aber sie dachten, die Geschichte des roten Ballons sei hier zu Ende. Sie ahnen nicht, dass diese Geschichte sich, noch während sie am Grenzübergang warten, durch die sozialen Medien verbreitet, schneller und weiter, als der Ballon je hätte fliegen können.

Hochzeitspaare schicken Luftballons in den Himmel, Trauernde auch, mit ihnen gehen gute Wünsche auf die Reise, ebenso wie letzte Worte. Sie stehen für Frieden und für Freiheit, sie werden auf Demonstrationen losgelassen und auf Konzerten. Als am 8. Juni 1982 in West-Berlin die Rolling Stones Hunderte Ballons in den Himmel steigen ließen, fragte sich im Publikum der Gitarrist von Nena, was eigentlich passieren würde, wenn sie über die Grenze in die DDR fliegen würden. So entstand zur Zeit des Kalten Krieges die Idee zu dem Welthit 99 Luftballons.

Nun, fast 40 Jahre später, schwelt ein Konflikt an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. 2018 war das Jahr des Flüchtlingstrecks aus Zentralamerika, das Jahr, in dem an der Grenze Hunderte Kinder von ihren Eltern getrennt wurden, das Jahr, in dem gerade erst, am 8. Dezember, ein siebenjähriges Mädchen aus Guatemala in US-Gewahrsam gestorben war, krank, dehydriert, die Umstände noch unklar. Es war das Jahr, in dem es nur schlechte Nachrichten von der Grenze gab und viele Amerikaner sich schämten für das, was aus ihrem Land geworden war. Und am Ende dieses Jahres trägt der Wind diesen roten Ballon über den Stacheldraht und bringt ein mexikanisches Mädchen und einen Amerikaner zusammen. Keine schlechte Nachricht, sondern das Gegenteil: ein Weihnachtswunder.

Die Washington Post berichtet, CNN berichtet, Regionalzeitungen, Online-Medien. Und während in den USA am 22. Dezember 2018 die längste Haushaltssperre in der Geschichte der Vereinigten Staaten beginnt, weil die Demokraten sich weigern, Donald Trump das Geld für seinen Mauerbau zu bewilligen, geht gleichzeitig die Geschichte des roten Luftballons viral.

Natürlich gibt es auch Hassnachrichten. "Alles erfunden", heißt es in den Kommentaren auf Facebook, "Propaganda", und: "War der Ballon mit Drogen gefüllt?"

Es gibt aber auch, und diese Kommentare sind in der Mehrzahl, Nachrichten voller Dankbarkeit, voller Liebe. "Tief bewegend", schreiben Menschen auf Facebook, und: "Das ist der American Way! Nehmt das, Trumpsters!"

Für die einen ist die Geschichte vom Ballon Fake-News. Für die anderen eine Art Gegenmittel zu den immer neuen Eskalationen, die den Diskurs in Amerika vergiften und das Land gespalten haben wie nie zuvor.

Randy und Marcella Heiss bekommen über die Weihnachtstage Post aus allen Ecken der USA.

"Lieber Randy, liebe Marcella", schreibt eine Frau aus Kalifornien, "ich schreibe, um Danke zu sagen. (...) In einem Land, das inzwischen so gespalten ist, kann man leicht vergessen, dass es wunderbare Menschen gibt, die die Welt verändern, indem sie Freundlichkeit, Respekt und die Überzeugung zeigen, dass alle Menschen gleich sind."

Ein Mann aus Oregon: "Was Sie für das kleine Mädchen in Nogales getan haben, hat mein Vertrauen in die Menschen und in Weihnachten wiederhergestellt. Danke."

Eine Frau aus Indiana: "Ihre Geschichte hat mir dringend benötigtes Vertrauen in die Güte der Amerikaner und den Geist von Weihnachten gebracht."

Nach Weihnachten, als Randy und Marcella Heiss alles gelesen haben, die Kommentare auf Facebook, die Karten, die in ihrem Briefkasten landen, erkennen sie, dass die Geschichte des roten Luftballons größer ist, als sie dachten. Sie scheint für viele Menschen eine Bestätigung zu sein, dass es das Land noch gibt, an das sie einmal geglaubt haben: das gute Amerika. Für sie ist Randy Heiss ein amerikanischer Held, der ihr Bild von sich selbst bewahrt hat.

Marcella

Ein paar Monate später, Anfang März 2019, sitzt der amerikanische Held in einem Restaurant in Patagonia, neben ihm Marcella, die statt "Ich bin die Frau von Randy" lieber "Randy ist mein Mann" sagt. Marcella Heiss, 57 Jahre alt, ist quirliger als Randy, immer in Bewegung, früher arbeitete sie fürs Fernsehen, heute ist sie Übersetzerin. Sie lacht viel, redet viel und antwortet schneller auf Fragen als ihr Mann, der tastender erzählt. "Ich weiß nicht, wie es mit Amerika weitergehen soll", sagt Randy.

Was an Weihnachten passiert ist, hat Randy und Marcella Heiss erschöpft. Sie hatten nicht vor, Helden zu werden. Für sie ist ihre Geschichte auch keine, in der es um Donald Trump geht. Aber es ist in Amerika heute kaum noch möglich, eine Geschichte ohne Bezug zu Trump zu erzählen, das wissen sie. Und auch das erschöpft sie.

Marcella erzählt von einem Vorfall am Grenzübergang, auf dem Rückweg von Radio Xeny. Noch ganz erfüllt von der Freude, dass sie Dayami gefunden hatten, erzählte sie einem amerikanischen Paar hinter ihnen in der Schlange, warum sie gerade in Mexiko waren. "Lassen Sie uns bloß nicht über die Grenze reden", habe der Mann zu ihr gesagt, "denn ich bin sicher, dass wir uns nicht einig sind." – "Sie wissen doch noch nicht einmal, auf welcher Seite ich bin", habe sie dem Mann geantwortet und ihn gefragt: "Was ist mit Amerika passiert, dass wir nicht mal mehr miteinander reden können?" Eine Antwort ist natürlich: Donald Trump ist passiert. Nur: Marcella Heiss wäre diese Antwort viel zu einfach.

Zur Geschichte vom roten Ballon, der über die Grenze fliegt, gehört auch, dass einige Menschen in ihrer Heimatstadt plötzlich auffallend freundlich zu ihnen waren. Randy und Marcella mussten gegen Trump sein, gegen die Mauer – und damit Demokraten. "Nachbarn luden uns plötzlich wieder ein", sagt Marcella. "Menschen, die kaum mit uns geredet hatten, kamen an und sagten: Oh, gut, ihr seid links!" Nur: Das stimmt nicht. In einem Drehbuch für einen Film wären die Rollen vielleicht so klar verteilt. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Randy ist Demokrat. Marcella aber Republikanerin. Sie hat Donald Trump nicht gewählt, er ist ihr zu extrem. Doch auch wenn sie seine Mauer nicht für die Lösung hält, sagt sie: "Wir brauchen sichere Grenzen." Sie hat das auch vor der Kamera gesagt, als Randy und sie interviewt wurden, aber diese Aussage tauchte später im Beitrag nicht auf. Eine Republikanerin, die findet, dass die Menschen, die illegal über die Grenze kommen, nicht alle die besten Menschen sind? Das schien nicht ins Liebe-kennt-keine-Grenzen-Weihnachtsmärchen zu passen.

Randy und Marcella Heiss vor ihrem Haus in Patagonia: "Der Ballon hat uns gefunden." © Cassidi Araiza

Und schon beginnt die Geschichte sperriger zu werden und die klischeehaften Vorurteile zu offenbaren, die sich in ihr verbergen. Nicht nur bei denen, die glauben, dass die Geschichte sowieso erfunden ist oder dass Dayamis Familie jetzt sicher in die USA will – wollen das nicht alle Mexikaner? Sondern auch bei jenen, die glauben, dass nur Demokraten einem mexikanischen Mädchen eine Freude machen würden. Marcella Heiss hat gute Freunde, die zur Amtseinführung von Donald Trump gefahren sind und denken, dass er das Beste ist, was Amerika passieren konnte, und sie hat einen Mann, der die Folgen von Saturday Night Live liebt, wenn Alec Baldwin Donald Trump karikiert. Das ist möglich, nur hat Marcella Heiss inzwischen das Gefühl, dass sie die Einzige ist, die so denkt. "Es gibt nur noch die eine Seite oder die andere." Und so funktioniert die Geschichte des roten Ballons wie ein Rorschachtest: Was jemand in sie hineininterpretiert, offenbart vor allem, was der- oder diejenige selber denkt.

Christian und Damaris

Anfang März, Trump hat inzwischen den nationalen Notstand ausgerufen, um das Geld für den Mauerbau freizubekommen, laufen Randy und Marcella Heiss wieder durch die Drehtür am Grenzübergang nach Nogales, Mexiko. Vor einem Restaurant begrüßen sie an diesem Samstag Dayami, Ximena und deren Eltern, Umarmungen, Küsschen, sie wirken wie gute Bekannte. Die Geschichte des roten Luftballons war noch nicht zu Ende, als Marcella und Randy Heiss am 20. Dezember zurück über die Grenze liefen. Nur hat das niemand mehr mitbekommen.

An Weihnachten hatte Dayami vor dem Christbaum im Wohnzimmer ein Video aufgenommen, in dem sie sich noch einmal für die Geschenke bedankt, die die Helfer des Weihnachtsmannes ihr gebracht hatten. Ihre Mutter Damaris hatte es Randy und Marcella auf Facebook geschickt. Die schickten ein Video mit Weihnachtsgrüßen zurück.

Randy und Marcella Heiss gehen wie viele Amerikaner im mexikanischen Nogales zum Zahnarzt, und als sie in der zweiten Januarwoche dieses Jahres einen Termin haben, fragen sie Damaris, ob sie sich noch einmal treffen wollen.

Sie essen in einem Fischrestaurant, und anders als bei dem hastigen Treffen in der Radiostation haben Randy und Marcella jetzt Gelegenheit, die Familie ein bisschen besser kennenzulernen. Christian Leyva Madrid und Damaris Martínez Gómez sind 26 und 27 Jahre alt, sie haben sich schon als Teenager kennengelernt. Beide sind in Nogales geboren und aufgewachsen, Damaris’ Eltern leben hier, Christians Mutter auch, sein Vater ist gestorben, als er neun war. Damaris arbeitet in einer der vielen Apotheken der Stadt, Christian hat die Schule abgebrochen und ist Koch geworden.

Es wird ein lustiger Abend im Restaurant, sie spielen Monos Locos – "Verrückte Affen" – mit den Mädchen: Farbige Stäbchen werden in eine Palme aus Plastik gesteckt, und auf die Stäbchen werden kleine Affen gesetzt. Dann wird gewürfelt, und je nach Farbe werden die Stäbchen aus der Palme gezogen. Wer die wenigsten Äffchen abstürzen lässt, hat gewonnen. Randy postet nach dem Treffen Bilder auf Facebook, er schreibt: "Wir hatten einen wunderbaren Abend mit unseren neuen Freunden Christian, Damaris, Dayami und Ximena in Nogales."

Der Grenzübergang zwischen Mexiko, links, und den USA, rechts. Sechsmal besuchten Randy und Marcella ihre neuen Freunde inzwischen. © Cassidi Araiza

Zwei Monate später, im März, sitzen sie wieder zusammen. Christian ist ein kleiner Mann, stämmig, mit einem runden Gesicht, Damaris trägt enge Kleidung, ist sorgfältig geschminkt, auf den blau lackierten Fingernägeln blinken Glitzersteinchen. Sie ist schüchtern; trifft man sie und Christian zusammen, antwortet immer er auf Fragen, nicht sie. Sie haben auf den ersten Blick vielleicht wenig gemeinsam, das junge mexikanische Paar und das ältere amerikanische, aber Dayami und Ximena kleben an Marcella, als ob sie sie seit Jahren kennen. Marcella ist schon mit ihnen Seil gesprungen, und Randy hat Dayami aus einem Buch vorgelesen, Junie B. Jones y su gran bocota – "Junie B. Jones und ihre große Klappe", Seite für Seite, es ist eins von drei Büchern, die er und Marcella ihr mitgebracht haben.

Schon bei ihrem ersten Wiedersehen im Januar hatten Randy und Marcella ein Buch für sie dabei, weil sie den Eindruck hatten, dass Dayami für eine Drittklässlerin nicht gut lesen und schreiben kann. Schließlich waren auf der Liste, die am Ballon hing, einige Fehler gewesen, selbst mit den Buchstaben in ihrem eigenen Namen hatte sie Probleme, deshalb dachten Randy und Marcella ja, sie heiße Daxami. Auch Damaris, ihre Mutter, schreibt nicht fehlerfrei, das sieht Marcella, wenn sie mit ihr auf Facebook chattet. Die Mädchen sind zwar immer herausgeputzt, wenn sie sich treffen, aber gemeinsam lesen ist etwas, das sie gar nicht zu kennen scheinen. Bei ihrem ersten Treffen hatte Dayami sogar gesagt, dass sie Lesen hasse, nicht mal vorlesen lassen wollte sie sich. Das hat sich schon geändert.

Auf Donald Trump angesprochen, reagiert Christian gelassen, er scheint ihm nicht wichtig zu sein. Sie lebten ja in Mexiko und nicht in den USA, sagt er. Interessanter als den amerikanischen Präsidenten, der auf der anderen Seite der Grenze gegen die Mexikaner wütet, findet Christian den neuen Präsidenten seines Landes: Andrés Manuel López Obrador, ein Linker, sein Wahlversprechen: Cambio – Wandel. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat der den Mindestlohn erhöht. Gute Aussichten, findet Christian. Er ist gerade arbeitslos und sucht einen neuen Job. In Mexiko. In den USA war er früher mal, als Kind. Heute hat er nicht mal mehr einen Pass, ebenso wenig Damaris und die Kinder. Sie hätten ja auch keine Freunde in den USA, sagt Damaris. "Doch", sagt Randy. "Uns."

Zum ersten Mal sehen Randy und Marcella Heiss bei ihrem Treffen im März das Zuhause von Christian, Damaris und ihren Töchtern. Es ist mit dem Auto knapp zehn Minuten von der Grenze entfernt, eine einfache Gegend, ein kleines weißes Steinhaus. Im Wohnzimmer hängen viele Familienfotos, Damaris und Christian, eng aneinandergeschmiegt, Damaris mit ihren beiden Töchtern am Meer, Ximena als Baby. Das Kinderzimmer von Dayami und Ximena hat zwei rosa und zwei lila gestrichene Wände, auch die beiden Betten, links schläft Ximena, rechts Dayami, haben rosa und lila Streifen, an der Wand kleben glitzernde Schmetterlinge. Schnell zerrt Ximena Marcella auf ihr Bett, um mit ihr Haarewaschen und Frisieren zu spielen, Dayami zeigt unterdessen Randy ihre Spielsachen. Sie hat längst entschieden, wie oft sie Randy und Marcella wiedersehen möchte: "Mucho."

Als Ximena Anfang Juni fünf wird, sind auch Randy und Marcella zur Feier eingeladen. Und während Trump in der Zwischenzeit erneut damit gedroht hat, die Grenze zu Mexiko zu schließen, und Strafzölle angekündigt hat, lernen Randy und Marcella Tanten von Dayami und Ximena kennen, Cousinen und Cousins, ihre Großmutter und ihren Großvater. Martín, der Vater von Damaris, ist ein kräftiger Mann, grauer Bürstenschnitt und Schnauzer, er arbeitet auf dem Bau. Er schien als Einziger wenig begeistert vom Besuch der beiden Amerikaner zu sein, erinnert sich Marcella später. Zu ihr habe er an jenem Geburtstag in der Küche gesagt: "Wir haben alles, was wir brauchen."

Auch auf der mexikanischen Seite der Grenze scheint es also Vorbehalte zu geben. Und während Dayami und Ximena sich immer mehr an Randy und Marcella gewöhnten und Damaris und Christian die neuen Freunde zwar überrascht, aber ohne viele Fragen in ihr Leben ließen, schien sich Dayamis Großvater zu fragen, was diese beiden Gringos, zwei Fremde, immer mit vielen Geschenken für die Mädchen, eigentlich wollten. Sich als Retter aufspielen, wo keine Rettung nötig war? Ihnen zeigen, wir sind die reichen Amerikaner, ihr die armen Mexikaner? Helfen, um sich selber gut zu fühlen?

Geht es um Amerika und Mexiko, sind die Rollen klar verteilt: auf der einen Seite die Wohlhabenden, auf der anderen die Bedürftigen. So stark ist die ewige Erzählung vom reichen Amerika und vom armen Mexiko, dass es auch bei Randy und Marcella Momente gibt, in denen sie sich fragen, ob Dayamis Familie sich nicht doch mehr verspricht von der Freundschaft: finanzielle Hilfe. Eine Tante von Dayami erzählt Marcella auf Ximenas Geburtstag, dass ihre Tochter ein neues Auto brauche. Erzählt sie mir das nur so, oder erwartet sie, dass ich ihr helfe?, fragte sich Marcella. Es sind Kleinigkeiten, aber sie zeigen, dass es ganz so einfach eben doch nicht ist mit dieser amerikanisch-mexikanischen Freundschaft.

Anfang November 2019 eilt Marcella Heiss wieder durch den riesigen Walmart in Nogales. In einem anderen Walmart an der Grenze, in El Paso, hat Monate zuvor ein US-amerikanischer Rechtsextremist 22 Menschen erschossen, sein Motiv: die "hispanische Invasion".

Dayami feiert morgen ihren neunten Geburtstag. Marcella weiß inzwischen, wo die Spielzeugabteilung ist, aber über Dayamis neuesten Wunsch weiß sie nichts. Drei Buchstaben sind es, L.O.L. Eine Mitarbeiterin führt sie zu einem Regal. L.O.L. sind kleine Figuren, einige mit "magischen funkelnden Haaren", lernt Marcella, überhaupt glitzert es viel. Marcella ist unsicher. Sie will nicht nur Glitzerkram kaufen, lieber etwas Vernünftiges. Am Ende kauft sie beides, L.O.L. sowie eine Hose und eine rosa Sweatjacke, 60 Prozent Baumwolle, zu viel Polyester kommt nicht infrage. Dazu Ballons und Girlanden, Kleinigkeiten für Ximena. Sie gibt 100 Dollar aus.

Am nächsten Tag sitzen sie wieder alle zusammen in einem Restaurant. Damaris’ Eltern sind auch mitgekommen, anders als bei ihrem letzten Wiedersehen ist Damaris’ Vater heute sehr freundlich. Sie trinken Margaritas und füllen Tacos, danach bringt der Kellner Enchiladas und Hühnchen und Fisch. Christian hat das teuerste Steak auf der Karte bestellt. Arbeit hat er immer noch nicht. Randy und Marcella machen sich Sorgen. Christian erzählt zwar viel von den Plänen, die er hat, mal etwas mit Computern, mal ein Investment in einer anderen Stadt, mal ein Taco-Stand, aber sie haben dennoch den Eindruck, dass es gerade nicht gut läuft und Christian das verbergen will. "Wer keine Arbeit hat, für den gibt es immer Versuchungen", wird Marcella später sagen, sie hat kein gutes Gefühl.

Nach dem Essen packt Dayami ihre Geschenke aus, die rosa Sweatjacke behält sie sofort an. Sie schmiegt sich an Marcella und gießt Konfetti über ihren Kopf, und später, als in einem anderen Teil des Restaurants eine Mariachi-Band anfängt zu spielen, tanzt Marcella mit Ximena auf dem Arm. Randy fotografiert seine Frau, er lächelt.

Nach dem Essen steigt Randy zu den Großeltern ins Auto und Marcella zu Damaris, Christian und den Mädchen. Sie bringt Dayami auf dem Weg englische Sätze bei. Estoy triste – I feel sad. Estoy feliz – I feel happy."I feel happy", sagt Dayami. "Ich bin auch glücklich", sagt Marcella.

Sie wollen zu einer Kirmes und parken vor dem Haus der Urgroßmutter, weil die ganz in der Nähe wohnt. Randy und Marcella stehen auf der Terrasse, auf der im Dezember 2018 die Kinder standen, von hier ist der rote Ballon in den Himmel gestiegen, bevor er die 32 Kilometer nach Patagonia flog. Die Haustür geht auf, die Urgroßmutter bittet Randy und Marcella hinein, sie will sie unbedingt kennenlernen.

Später laufen sie über die Kirmes, die Kinder fahren Karussell und hüpfen Trampolin, essen Chips und Süßigkeiten, Marcella umarmt Damaris, weil die so müde aussieht, sie hatte in der Apotheke heute nicht eine einzige Pause, und morgen früh um sieben beginnt ihre nächste Schicht. Ximena will auf Randys Schultern sitzen, er trägt sie über die ganze Kirmes. Erst spät fährt Christian sie zurück an die Grenze. "Denk immer an deine Familie", sagt Marcella beim Abschied zu ihm.

Jeremy

Randy und Marcella wissen nun, wie Dayamis Familie lebt, aber Dayamis Familie kann sie nicht einfach so besuchen. Selbst wenn sie Pässe hätten, müssten sie Visa beantragen. So sehen sie nicht, wie klein das Haus in Patagonia ist, ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer mit Küchenzeile. Sie sehen auch nicht die beiden alten Autos, die Randy und Marcella fahren. Kaufen sie den Mädchen Geschenke oder laden die Familie zum Essen ein, fehlt ihnen das Geld an anderer Stelle. Dayamis Familie hat vielleicht andere Vorstellungen. In manchen Geschichten, die vor einem Jahr veröffentlicht wurden, stand fälschlicherweise, dass Randy eine Ranch besitzt, weil er in einem Interview gesagt hatte, dass er den Ballon auf einer Ranch gefunden habe. Aber es gibt in dieser Geschichte keine reichen Amerikaner.

Am nächsten Tag kocht Marcella Kaffee und setzt sich zu Randy aufs Sofa. Auf der Rückfahrt nach Patagonia haben sie über ihre Lieblingsmomente geredet. Marcella hat sich am meisten darüber gefreut, dass sie die Urgroßmutter kennenlernen durfte, Mama Lupe, und wie verbunden sie sich mit ihr gefühlt hat. Sie haben vielleicht gerade mal zehn Minuten geredet, aber am Ende haben sie sich schon lange umarmt. Sie möchte sie unbedingt bald wiedersehen. Randy sagt, sein schönster Moment war, als Ximena auf seinen Schultern saß. Weil das etwas war, was auch Jeremy geliebt hat.

Jeremy war Randys Sohn aus seiner Beziehung vor Marcella. Er lebte bei seiner Mutter, die, wie Randy erzählt, viele Probleme hatte und nicht daran interessiert war, dass Jeremy seinen Vater und Marcella oft sah. Als Jeremy 18 war, beging er Suizid. Zehn Jahre ist das her. Wenn Randy über Jeremy spricht, wird sein Gesicht starr. "Er ist fast daran kaputtgegangen", sagt Marcella in einem Moment, als Randy nicht dabei ist. Am Kühlschrank hängen zwei Fotos von Jeremy. Als kleiner Junge, braune Haare, forscher Blick, und Jeremy, ein bisschen älter schon, Kopf an Kopf mit einem Hund, lächelnd.

Randy und Marcella wussten nicht, wo bei Walmart die Spielwarenabteilung ist, was Enchantimals oder L.O.L.-Püppchen sind, weil es in ihrem Leben keine Enkelkinder gibt oder überhaupt: Kinder.

Dayami bekam an Weihnachten 2018 mehr Geschenke als sonst. Viele Amerikaner bekamen mit der Geschichte vom roten Ballon eine Portion Hoffnung. Randy und Marcella Heiss aber bekamen etwas, was sie "das beste Weihnachten seit Langem" nennen. "Wir sind Glückspilze", sagt Randy. Er und Marcella sagen nicht: "Wir haben den Ballon gefunden." Sondern: "Der Ballon hat uns gefunden."

Plötzlich gibt es Kinder in ihrem Leben, und eine Familie, eine ziemlich große sogar, bei der sie einfach so willkommen sind. "Wir haben das größte Geschenk bekommen", sagt Randy. Dayami habe ihnen mehr gegeben, als sie ihr je an Enchantimals-Puppen hätten kaufen können, sagt Marcella. Sätze von den beiden beginnen inzwischen mit: "In ein paar Jahren, wenn die Mädchen älter sind ..."

Am Kühlschrank, unter den Fotos von Jeremy, hängt ein neues Bild, Dayami hat es ihnen gestern geschenkt. Darauf hat sie vier Menschen gemalt, zwei kleine in der Mitte, neben denen "Dayami" und "Ximena" steht, und zwei große, rechts und links: "Randi" und "Marsella". Auf der Rückseite steht neben bunten Herzen: "Los kiero mucho" – "Ich habe Euch sehr lieb". "Quiero mit einem k", sagt Randy und lächelt.

Auch in diesem Jahr haben Dayami und Ximena vor dem Haus ihrer Urgroßmutter Ballons steigen lassen, am 6. Dezember. Randy und Marcella waren dabei.

Hinter der Geschichte:
ZEITmagazin-Redakteurin Nicola Meier las Weihnachten 2018 auf Twitter über den Ballon und nahm im Januar Kontakt zu Randy Heiss auf. Sie begleitete ihn und seine Frau im März und im November nach Nogales. An Dayamis Geburtstag war sie als Gast willkommen, wurde aber gebeten, bei diesem Treffen keine Interviews zu führen.

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