Papiertasche: Tragbares Papier

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 53/2019

Früher war Kleidung etwas, das ein Leben lang halten sollte. Man flickte und stopfte sie, damit sie möglichst lange getragen wurde. Einige Kleidungsstücke wie etwa Trachten wurden sogar von Generation zu Generation weitergegeben. Die Kleidung sollte den Einzelnen überdauern.

Heute haben wir ein anderes Verhältnis zu den Gegenständen, die uns umgeben. Was von uns bleibt, betrachten wir nicht mehr mit Stolz, sondern mit Schaudern. Nehmen wir zum Beispiel die Plastiktüte: Sie ist nur wenige Stunden in Gebrauch, geistert dann aber viele Jahre um die Welt, bevor sie verrottet. Zwar wird gegen Verpackungen aus Plastik gewettert wie noch nie – doch sie werden nicht weniger. Allein 2017 gab es in Deutschland 18,7 Millionen Tonnen Verpackungsmüll.

In solchen Zeiten ist es nicht verwunderlich, dass abbaubare Materialien einen anderen Stellenwert in der gesellschaftlichen Wahrnehmung bekommen. Etwa das Papier: Im 19. Jahrhundert begann man mit der industriellen Herstellung von Papiertüten. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dann die noch heute gebräuchliche Tragetasche mit steifem Boden und Griffen aus Papier entwickelt – bevor sie in den Sechzigerjahren von der Plastiktüte verdrängt wurde. Bis dahin war Papier sehr populär, man experimentierte sogar immer wieder mit Kleidung aus Papier.

Insbesondere die Rohstoffknappheit in Europa – wo Materialien wie Baumwolle und Hanf importiert werden mussten – ließ im 19. Jahrhundert Papier als Ersatzstoff interessant werden. Es entstand aber hauptsächlich Kleinteiliges wie etwa Hemdkragen oder Manschette. Oder sogenannte Serviteurs, kleine Vorhemden, die nur die Brust bedecken. Im Ersten Weltkrieg gab es sogar Uniformen aus Papiergarn, die jedoch wegen ihrer Steifheit höchst unkomfortabel waren. Zudem stellte sich Papiergewebe als schwer zu waschen heraus.

In den Sechzigerjahren erlebte Kleidung aus Papier einen kurzen Boom – dieses Mal nicht durch einen Mangel an Rohstoffen ausgelöst, sondern durch den Überschuss an gebrauchtem Papier. Und auch später wurde immer wieder mit Papier gearbeitet: Issey Miyake, Sandra Backlund oder Christa de Carouge kreierten aufwendige Kollektionen daraus. Obwohl die Arbeit mit wiederverwertbarem Papier in der Mode sehr sinnvoll wäre, ist dafür bislang kein großer Markt entstanden. Einzig die Papiertüte wird in der Mode wieder gefeiert. Acne hat jetzt zum Beispiel eine Tasche in Papiertüten-Look auf den Markt gebracht. Leider gibt es sie nur aus Leder oder Nylon.

Foto: Peter Langer / Leider nicht wirklich aus Papier: Tasche von Acne Studios

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren