Oscar-Verleihung 2020: Starke Schultern, wenig Haltung

Vielleicht sollen uns die Schultern etwas sagen, asymmetrisch freigelegt wie bei Renée Zellweger, die den Oscar als Beste Hauptdarstellerin gewann, oder nur von schmalen, sportlichen Trägern eingerahmt wie bei Laura Dern, die als Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde. Durchtrainierte Arme wie die dieser beiden Schauspielerinnen sind, vergleiche Michelle Obama, ein Symbol der Macht – und die mehrstufigen Rüschenärmel diverser Kolleginnen mögen ebenfalls nicht nur Gewebeüberschuss sein, sondern von Kraft und Empowerment erzählen: Wir sind stark und zeigen es auch.

Vielleicht sollen uns auch die Silhouetten etwas sagen, die an Wolkenkratzer erinnern, solche der guten alten Zeit mit Art-déco-Anmutung, think Chrysler Building. Oben schmal, stromlinienförmig und stolz gestreckt, unten weiter ausschweifend mit ornamentalen Kaskaden. Die machen das Kleid breit und bestärken die Erzählung, dass ihre Trägerin Raum für sich beansprucht.

Vielleicht ist eine nackte Schulter aber eben auch nur eine nackte Schulter und ihr Vorzeigen das, was seit Jahrhunderten auf Galas und Bällen zwischen Konvention und Kühnheit neu verhandelt wird, kurz: Mode. In der kann man gesellschaftliche Veränderungen erkennen oder es lassen, weil in der nächsten Saison ohnehin wieder eine andere Rocklänge durch die Gegend getragen wird.



Sind die Oscars Mode? Bedingt, denn der Hang zum Old-Hollywood-Glamour – Satin, weiter Rock, Corsagenoberteil – oder zum moderneren Etuikleid, das letztlich den perfektionierten Körper hautnah abbildet, drängt zeitnähere Trends zurück. Den Konventionen komplett entsagt hat im Grunde nur Billie Eilish, die in einem übergroßen Unisex-Hosenanzug erschien, allerdings einem von Chanel, was dann doch wieder die Luxuserwartungen an diesen Abend erfüllt.



Größere stilistische Ausfälle mag es in diesem Jahr nicht gegeben haben, aber eben auch nur wenig Haltung, die über die bloße Körperhaltung hinausgeht. Bei den Golden Globes vor zwei Jahren erschienen die Frauen unisono in Schwarz, Hashtag #AllBlackEverything, aus Protest gegen das System Weinstein, gegen Sexismus und sexuellen Missbrauch. Bei den darauffolgenden Oscars war von derlei Widerstand nichts zu sehen, es gab nur einige schüchterne Time's-up-Anstecker. Dieses Mal ging es um ein bisschen Nachhaltigkeit, hier eine Vintage-Robe wie bei Margot Robbie, da ein recycelter Stoff wie bei Saoirse Ronan, was leicht übersehbar ist und ja so hübsch aussieht, dass es kein bisschen unangenehm ist. Noch einfacher zu übersehen waren – von Billy Porter und Timothée Chalamet einmal abgesehen – nur all die Männer im Smoking, die sich der Tatsache ergeben zu haben schienen, dass es­ hier insgesamt nicht um Diversität, sondern um Anpassung ging.

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